2. Chance für jedermann

Nein, ich bin nicht gesellschaftskritisch… wirklich nicht. Ein bisschen vielleicht und wahrscheinlich ist es ein Beitrag, der geteilte Reaktionen und Meinungen hervorrufen wird.
Anlass war für mich ein Fernsehbeitrag, den ich vor ein paar Tagen gesehen habe. Wo weiß ich leider nicht mehr und die Suchmaschinentante wollte mir nicht helfen.
Es ging um ein Projekt, in dem Straftätern die Möglichkeit gegeben wird, nach der Haft rehabilitiert und wieder in die Gesellschaft integriert zu werden. Leider hatte die Stadt es versäumt die Bürger zu informieren, was letztendlich für sehr viel Verwirrung, Angst und Vorurteile sorgte.

Ein Mensch, der beispielsweiße 40 Jahre seines Lebens in einer kleinen Zelle verbrachte, muss viele alltägliche Dinge erst wieder lernen. Angefangen bei der Mülltrennung, eigenständigem zubereiten von Mahlzeiten, Bezahlung mit der EC-Karte etc.
Natürlich gab es einen Grund für die Verurteilung und ich möchte hier auch keinen Straffälligen in Schutz nehmen, doch ich persönlich unterstütze es mental, wenn ihnen nach der Haft geholfen wird.
In dem Beitrag ging es um eine  betreute Wohngemeinschaft für Straftäter, die ihre Haftstrafe vollständig abgesessen haben & von denen laut einem psychologischen Gutachten keine Gefahr mehr ausgeht. Die Menschen entscheiden sich freiwillig dazu, nicht in eine eigene Wohnung zu ziehen, sondern vorerst weiter betreut zu werden… denn grundsätzlich sind sie wieder freie Menschen.
Doch leider reagieren viele auf derartige Projekte abwertend und negativ, denn einmal Knasti immer Knasti. Das hat auch der 60 jährige Mann aus dem Beitrag zu spüren bekommen. Die Mütter haben ihre Kinder nicht mehr nach draußen gelassen, sie durften nicht mehr alleine zur Schule und die Angst hatte sich schon längst von den Eltern auf ihre Schützlinge übertragen. Verlassene Spielplätze, Eltern die ihre Kinder zur Schule bringen und abholen, verlassene Wiesen und Straßen bei strahlendem Sonnenschein.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hätte ich vor allem bei Sexualstraftätern und Menschen die einen anderen getötet haben auch Angst um mein Kind. Das liegt allerdings nicht zwingend an der Vorgeschichte der Menschen, sondern eher daran, dass ich grundsätzlich sehr ängstlich bin. Ich finde den Gedanken schrecklich, dass meine Kinder mal so alt sein werden, dass sie alleine nach draußen gehen… ohne Begleitung zur Schule laufen/fahren und überhaupt schutzlos anderen Menschen ausgesetzt sind.
Doch auf der anderen Seite finde ich, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat. Nicht jeder nutzt sie, doch viele bereuen ihre Taten… hatten in der Haft viele Jahre Zeit über alles nachzudenken und kommen selbst nicht damit klar, was sie verbrochen & anderen damit angetan haben.

Ich finde es schade, dass in unserer Gesellschaft so schnell verurteilt und bewertet wird. Sind wir mal ehrlich, hat nicht jeder von uns schon mal etwas gemacht, was nicht in Ordnung war? Hat nicht jeder von uns schon etwas angestellt, über das er nicht gerne spricht?
„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie
Sollten wir nicht viel mehr versuchen Menschen, die bereit sind/waren sich zu ändern den Weg in das normale Leben wieder zu ermöglichen? Anstatt es unnötig zu erschweren, ohne die Geschichte hinter der Person überhaupt zu kennen.

Mein liebstes Beispiel ist immer wieder die Todesstrafe… wer gibt Menschen das Recht dazu, über das Leben bzw. den Tod eines anderen zu bestimmen, weil dieser etwas schlimmes getan hat? Mord wird mit Mord bestraft und ich frage mich wer festlegt, dass der Straftäter weniger wert ist als die Menschen, die über seinen Tod bestimmen.

Ja, ich habe in manchen Punkten eine harte Meinung, die viele Menschen nicht mit mir teilen, doch ich wünsche mir eine Gesellschaft in der mehr Toleranz & Akzeptanz gelebt wird. Eine Gesellschaft, in der mehr Menschen über ihren Tellerrand sehen und über das eine oder andere mal ordentlich nachdenken.

(Und sind wir noch ehrlicher, müssen wir zugeben, dass jeder Straftäter vor der ersten Tat ein ganz „normaler Mensch wie Du & ich“ war. Somit dürften wir also niemandem trauen, denn irgendwann kann immer das erste Mal sein…!)

4 comments

  1. Das Zitat ist so passend!!! Bevor man über andere urteilt, sollte man mal ganz genau in den Spiegel schauen…
    Toleranz ist das Stichwort. Keiner muss Deine Meinung gut finden oder akzeptieren, aber die Menschheit wäre so viel besser, würden sie sie Dir einfach lassen; würden sie jedem seine Meinung lassen (solange niemand zu Schaden kommt natürlich)!

    Frei geboren und dann in gesellschaftliche Normen gezwängt, die heutzutage einfach nicht mehr von jedem erfüllt werden können. Dass da die Zahlen der Burnouts, Depressionen, Gewaltausschreitungen, Alkoholexzesse, Straftaten etc. steigen, finde ich um ehrlich zu sein absolut nicht verwunderlich…

    Ich plädiere daher für ein Toleranz-Gen, das jedem Menschen verpasst wird 😛

    1. Oh, vergessen… Ich denke, ich könnte aber nicht jedem eine zweite Chance geben. Irgendwo hat alles eine Grenze für mich, ab der ich z.B. nicht mehr verzeihen könnte 🙂
      Doch viel viel viel mehr Leute würden eine verdienen!!!!

  2. Ist ein zweischneidiges Schwert, dieses Thema. Denn ich könnte so viele Beispiele aufzählen, bei denen ehemalige Straftäter eine 2. Chance erhalten haben und wieder straffällig wurden. Und das Geschrei in der Gesellschaft war jeweils riesig, wie so etwas passieren konnte, warum nicht besser geprüft wurde, und was weiss ich. Auch bei solchen Leuten, die auf 2. Chancen plädieren. Da stellt sich dann die Frage, ob man Grenzen ziehen muss – nach Vergehen, nach Entwicklung, nach Reue, … Wer zieht die Grenze? Und wer bestimmt, dass sich erreicht oder nicht erreicht wurde.
    Meiner Meinung nach muss das wirklich sorgfältig Fall für Fall beurteilt werden, ob jemand eine zweite Chance verdient hat oder nicht. Generalisieren lässt sich das nicht, denn die Menschen lassen sich nun mal nicht in einen Topf werfen…

    Und noch zu Deiner Klammerbemerkung: was ist normal? Wer bestimmt, was normal ist? Ich finde es normal, verschieden zu sein. Was ich normal finde, findet jemand anderes total abnormal. Was ein Chinese normal findet, findet ein Europäer vielleicht total daneben…Food for thought… 🙂

    1. Da stimme ich Dir vollkommen zu!
      Ich meinte auch eher, dass sie von der Gesellschaft eine zweite Chance bekommen sollten, anstatt sofort zu verurteilen ohne die Personen oder sie Hintergründe zu kennen.
      Es ist schade, dass viele ihre zweite Chance nicht nutzen. Vor allem auch, weil es die die ihre Chance nutzen wollen dadurch so viel schwerer haben!

      Auf der andere Seite zeigt ja der freiwillige Bezug einer betreuten Wohngruppe, dass Potential vorhanden ist, was positiv gesehen werden sollte.

      Ich bin auch dafür, dass es Fall für Fall genauestens geprüft werden sollte, allerdings nicht von der Gesellschaft. Dafür sollten andere Stellen zuständig sein, mir geht es hier grundsätzlich nur um die Akzeptanz der Straftäter nach der Haft. Um die Gesellschaft eben, die leider sehr oft direkt verurteilt und abwertet, anstatt ein integriertes Leben zu ermöglichen (was die Gefahr einer erneuten Straftat bei so manchem senkt).

      Normal… grundsätzlich wird das als normal bezeichnet, das die Masse macht. Für mich gibt es dieses „normal“ ansich eigentlich auch nicht. Ich wollte hier nur damit Ausdrücken, dass der nette Nachbar von nebenan vor dem keiner Angst hatte auch zum Mörder werden kann. Somit ist das Bild falsch, dass ehemalige Strafttäter die gefährlicheren sind… sie waren es vorher eben auch noch nicht 😉
      Sollte ich vielleicht anders formulieren.

      Ich hoffe Du verstehst nun ein wenig besser aus welcher Sicht ich es betrachtet habe. Stimme Dir wie gesagt auch zu, nur ist die Gesellschaft nicht für die Beurteilung zuständig.

Sag mir Deine Meinung :)

%d Bloggern gefällt das: