[Erziehung] Warum lügen?

Stellt Euch folgende Situation vor, klein Bambi hat einen gesunden Respekt vor Feuer und kommt dem Grill somit auch nicht zu nahe. Alle sagen ihr, dass es super ist und sie das ganz toll macht, doch dann passiert es. Sie steht mit dem Rücken zu den anderen, stolpert und kommt mit dem Oberarm an den heißen Grill. Ganz viele Bambitränen kullern über ihre Wange, denn es tut einfach unendlich weh.
Wir haben es gekühlt, Aloe Vera drauf & anschließend mein letztes Compeed Blasenpflaster. Für das Seelchen gab es noch ein Mickeymauspflaster und eine Minnie Maus 🙂
Knapp unterhalb des Ellenbogens ist auch noch eine runde Blase zu sehen, die sich erst später gebildet hatte und genau darum geht in folgenden.

Ihre Brandblasen hat klein Bambi erstaunlich gut weggesteckt, bis sie gestern Abend auf den Boden fiel und ihre Blase dabei aufging.  Ein vor Schmerz schreiendes Bambikind, das sich schnell in meine Arme rettete. Während ich versuchte sie zu trösten, dachte ich daran wie stark der Schmerz einer offenen Brandblase sein kann und bot ihr ein Pflaster an. Mir war klar, dass es im ersten Moment noch mal etwas mehr weh tun wird, dann aber besser wird, weil die Wunde nicht sämtlichen Reizen ausgesetzt ist.
Also fragte ich sie, ob sie ein Pflaster möchte & da ich einen kleinen Pflasterfreak zur Tochter habe stimmte sie auch direkt zu. Die Kinderpflaster waren alle aufgebraucht, also gab es ein ganz normales antiallergisches. Wie erwartet schrie sie erneut auf, obwohl ich versuchte so vorsichtig wie möglich zu sein.
Um sie zu trösten nahm ich sie erneut in den Arm und schlug ihr kurz darauf vor, dass wir ihr doch schon mal ihre Schuhe anziehen könnten, das lenkt sie sicher vom Scherz ab.

Meine Schwester schaut mich daraufhin erstaunt an und meinte:

„Das lenkt sie ab 😀 Früher hat man gesagt bekommen, dass der Schmerz danach weg ist und Du bist sagst ganz trocken und ehrlich, dass es sie davon ablenkt!“

Dieser Satz hat mich zum Nachdenken angeregt. Wie oft werden Kinder angelogen weil es schöner klingt, dem Kind eine Freude bereiten soll, vor Traurigkeit schützen, oder weil man denkt das Kind versteht es anders einfach noch nicht.
Ich bin das Gegenteil davon und sage einfach ehrlich was ist, um ehrlich zu sein habe ich auch noch nie darüber nachgedacht, warum ich mein Kind anlügen sollte? Bambina war schon auf 2 Beerdigungen und am Grab eines weiteren Opas. Manche erklären, dass die Menschen in Urlaub sind, oder jetzt ganz lange schlafen denn das Kind ist ja noch viel zu klein.
Wir haben Bambina direkt gesagt, dass ihr Opa/die Oma jetzt tot ist und im Himmel weiterlebt, dass sie nicht wieder kommen aber auf sie aufpassen und wir sie immer auf dem Friedhof besuchen können. Der erste Todesfall war 3 Tage vor ihrem 1. Geburtstag und sie hat es verstanden, die Oma ist Anfang des Jahres gestorben und da hat Bambina sogar geholfen das Kreuz zum Grab zu tragen, sie konnte mit dem Thema Tod schon sehr gut umgehen.
Und nun stellt sich mir die Frage, warum das Kind anlügen? Man kann sein Kind nicht vor jeder Kleinigkeit schützen und der Tod gehört genauso zum Leben wie die Geburt eines Kindes. Wir möchten, dass sie auch zu negativen Themen ein gutes Verhältnis entwickelt. Außerdem möchte ich das Vertrauen meiner Kinder nicht enttäuschen oder verletzen. Denn wenn ich jahrelang erzähle, dass das Christkind die Geschenke bringt & es den Nikolaus wirklich gibt lüge ich ganz bewusst. Es mag für die Kinder etwas ganz besonderes sein ans Christkind zu glauben, doch wenn es dann die Wahrheit erfährt, wird das Urvertrauen erschüttert. Vielleicht nicht mal offensichtlich, doch unterbewusst ist es ein Vertrauensbruch und auf die Lüge folgt eine Enttäuschung. Bei uns wird es den Nikolaus auch geben, der die Geschenke bringt, allerdings werden wir kein Geheimnis daraus machen, dass eine ganze normale Person hinter dem Kostüm steckt. Für Kinder ist es genauso schön und trotzdem etwas ganz besonderes, also warum lügen?

Wenn ein Kind uns fragt, weshalb etwas so und so ist, sollte unsere Antwort nicht „Dafür bist Du noch zu klein“ lauten. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, sehen wir in dem Kind noch das kleine Baby und wissen bei manch unangenehmen Themen einfach nicht wie man es altersgerecht erklären kann. Also sagen wir zu ihm, dass es noch zu klein ist und noch größer werden muss, womit wir das Kind auf eine niedrigere Stufe setzten. Denn es ist ja noch zu klein – ein Negativsatz.
Meistens liegt es doch an uns, weil wir keine Lust haben, oder gewisse Themen einfach nicht besprechen wollen. Ein gewisser Schutz des Kindes ist wichtig ja, doch wenn ein Kind etwas fragt, dann nicht weil es gerade nichts zu tun hat, sondern weil es etwas nicht versteht. Das Kind beschäftigt sich also in irgendeiner Art/Form schon damit und dann ist es auch an der Zeit altersgerechte Antworten zu geben.

Das ist nicht immer leicht und manchmal kämpfe ich auch mit den richtigen Worten, doch mir kam noch gar nicht in den Sinn die Kleine anzulügen, wenn es doch die Wahrheit gibt.
Ich denke, dass viele eine andere Ansicht teilen und das ist auch vollkommen okay, ich schreibe lediglich über unsere Erfahrungen als Familie & ich habe einen „anderen“ Blick für solche Themen als die Mehrheit.

Doch, warum lügen?
Wir wollen ja auch nicht angelogen werden!

7 comments

  1. Schöner Beitrag.
    Wir lügen unsere Kinder auch nicht an, wir erklären ganz genau, was passiert, selbst, wenn es etwas Negatives wie Spitzen beim Arzt sind. Ich finde, die Kinder haben den selben Respekt wie Erwachsene verdient und einem Erwachsenen sagt man ja auch nicht: ist eben so.
    Ich hatte mir auch immer vorgenommen, nie „dafür bist du noch zu klein“ zu sagen, aber es gibt tatsächlich Themen, die das Begreifen des Kindes überfordern. Statt aber zu sagen „du bist zu klein“, erkläre ich „dir fehlen bislang die Erfahrungen und das nötige Wissen, um das Thema zu verstehen“. Erstaunlicherweise wird das als Erklärung akzeptiert, vermutlich, weil wir das nur bei wirklich sehr komplexen Themen bringen.
    Allerdings gibt es bei uns den Weihnachtsmann und den Osterhasen, da ist meiner Meinung nach der Gruppenzwang bzw. der Ausschluss aus der Gruppe im Kindergarten, wenn man vehement bestreitet, dass es den Weihnachtsmann gibt, gravierender.

    1. Es gibt wirklich Themen, die ein Kind noch nicht verstehen kann und die man auch nicht wirklich kindgerecht verpacken kann, doch soweit sind wir bisher noch nicht. Der Satz „Du bist zu klein“ hat aber so einen negativen Beigeschmack, dass ich persönlich ihn nicht gut finde.

      Weihnachtsmann und Osterhase gab es bei mir auch nicht, damals fand ich es manchmal doof und wollte auch lange, dass unsere Kinder daran glauben, doch mittlerweile sehe ich es anders. Hier auf dem Land sind aber noch viele gläubig und Weihnachtsmann & Co. sind so oder so nicht weit verbreitet.
      Ganz schlimm finde ich es, wenn keiner mehr daran glaubt und es ein Kind gibt das sich felsenfest sicher ist, dass eben doch jedes Jahr das Christkind o.ä. kommt.

  2. Ich finde, du hast das genau richtig gemacht.
    Kinder sind kleine Menschen und verdienen Respekt wie große Menschen auch, und dazu gehört es, nicht angelogen zu werden.

    Irgendwann merken die Kinder, dass sie belogen wurden und dann ist das Vertrauen dahin und sie glauben nichts mehr oder fangen selbst an zu lügen, was ja logisch ist, wenn man es ihnen vorlebt.

    1. Ich hatte da nie wirklich drüber nachgedacht, mir kam es einfach nicht in den Sinn, wieso ich mein Kind anlügen sollte.
      Gut sowas wie „Mausi das ist leer“ wenn sie unbedingt noch etwas haben will von dem sie nicht darf, das kam schon vor, aber ansonsten sollte man ein Kind mit dem selben Respekt behandeln wie Ältere auch.

  3. Ich gebe dir ganz klar recht und mache das auch genauso. Viele machen ja allein schon dieses „puuuust…guck mal, da fliegt es“. Nee das mach ich nicht, lieber streichel ich die Stelle, kuschel und gebe Küsschen. Anders ists wenn der Große Bauchschmerzen hat. Dann sag ich häufig „Geh schlafen, dann ists morgen bestimmt weg.“. Das kann ich natürlich nicht mit Sicherheit sagen, aber meistens ist es ja wirklich so.
    Ab und an erwisch ich mich aber dabei, wenn ich sage „Nee ich habe kein Geld mehr.“ statt mir die Diskussion aufzuhalsen, dass ich das jetzt nicht kaufen möchte.

    Dennoch finde ich, wir sind Vorbilder. Und als Vorbilder dürfen wir nicht lügen, sonst lernen es doch die Kinder so von uns. Ich kenne einige solcher Mütter, aber wenn dann mal das Kind flunkert, dann ist das Geschrei groß. No Go!

    1. Ich denke bei solchen Bauchschmerzen werde ich so etwas auch sagen, bei meiner Schwester waren es die Ohren die häufig über Nacht geschmerzt haben. Aber ich denke das entwickelt sich mit der Zeit ganz alleine und bisher vertraue ich darauf, dass alles seinen richtigen Weg finden wird.

  4. Das erinnert mich an eine Situation, letztes Jahr Weihnachten.
    Mein Freund hat seiner (8 jährigen!!) Tochter gesagt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Einen Monat später kam sie wieder, war ganz empört und meinte zu ihm, dass er sie angelogen hätte & der Weihnachtsmann oben in den Wolken leben würde.. da haben ihm im ersten Moment auch die Worte gefehlt. Unbegreiflich

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