Gedankenkarussel

3 Uhr morgens und ich komme gerade von der Nachtwache bei meiner Oma. Ja, sie lebt noch und nein, besser geht es ihr leider nicht.
Seit ihrem Schlaganfall hatte sie noch einen weiteren und es ging stetig abwärts. Mehrmals gab es die Meldung, dass es ihr nun wieder richtig schlecht geht & jedes mal verabschiedete ich mich erneut von ihr.

Gestern Abend war einer dieser Abende, an denen es wieder sehr sehr schlecht aussah. Mittags hatte sie einen hochroten Kopf, seitdem ging es zunehmend abwärts, Blutdruck nicht mehr messbar, weil das Herz zu schwach ist. Als ich gegen 22 Uhr zu ihr kam war sie kaltschweißig, atmete doppelt so schnell wie ich und hatte einen sehr schnellen und erschreckend schwachen Herzschlag. In den letzten Tagen erbrach sie oft, somit wurde ihre Nahrungszufuhr nun komplett eingestellt und einzig der noch vorhandene Schluckreflex sorgt dafür, dass sie 1 – 1,5 Becher Tee am Tag gelöffelt bekommt. Mehr möchte sie nicht und verweigert es indem sie ihre Lippen fest zusammenkneift.

Wenn ich sehe wie schwer ihre letzten Schritte vom Leben in den Tod sind, bekomme ich noch mehr Angst davor. Sie quält sich nun seit Wochen mit starken Schmerzen, einem sehr schwachen Herzen, schwerer Atmung und einem offenen Steißbein.
Als mein Opa im Februar letzten Jahres von uns ging, hatte er auch einen schweren, im Vergleich zu ihr aber sehr kurzen Kampf.
Ich sehe seine weit aufgerissenen Augen heute noch vor mir. Dieser entsetzte panische Blick, diese Leere und das schwindende Leben.
Ich könnte weinen wenn ich darüber nachdenke wie schlimm es gewesen sein muss zu merken, dass er gerade stirbt… dass er keine Luft mehr bekommt und dass seine Enkelin verzweifelt versucht ihn zu reanimieren um ihn weiter am Leben zu halten.
Manchmal denke ich mir, dass ich es ihm dadurch nur erschwert habe. Ich habe so lange reanimiert, bis die Sanitäter kamen und es übernommen haben. Er hatte schon keinen eigenen Herzschlag mehr und wurde trotzdem noch so unglaublich lange gequält. Und auf der anderen Seite werfe ich mir vor, dass ich zu spät damit begonnen habe und ihn früher vielleicht hätte retten können. Ich hatte doch erst einen Erste Hilfe Kurs belegt und schrie trotzdem panisch ins Telefon „Wie??? Schatz sag mir wiiiiiiiie?“. Ja mein Mann ist Sanitäter und machte sich auch direkt auf den Weg nach Hause… doch aus 35 km Entfernung konnte er mir kaum helfen. Deshalb rief ich erneut bei der Leitstelle an, wo der Mann am Telefon mir Schritt für Schritt erklärte was ich machen musste. Mir fiel es währenddessen auch selbst wieder ein, dennoch hatte ich solche Angst etwas falsch zu machen.
Und ich höre noch heute meine Oma panisch rufen „Er stirbt. Er stirbt. Ich weiß es. Blumenelfe er stirbt“. Ich wollte es ermöglichen, ihr diesen Schmerz zu ersparen. Ich wollte meinem Opa helfen nicht zu sterben. Ich wollte ihm diese Qual und Angst ersparen. Doch gegen den Tod war ich machtlos.

Ich bin überzeugt davon, dass der Todestag schon am Tag der Geburt festgelegt ist. Nur die Umstände wie wir sterben, sind individuell auf die jeweilige Situation an diesem Tag angepasst. Diese Denkweise hat meiner Oma sehr geholfen.

Heute bin ich froh, dass ich so lange bei meiner Oma war. Einmal natürlich um ihr beizustehen und sie zu begleiten und weil es mich selbst von lähmenden Gedanken abgelenkt hat, die ich nicht denken wollte.
Zu Hause hätten sich meine Gedanken ungesteuert immer und immer weiter im Kreis gedreht. Gedanken, die schon seit Tagen in meinem Kopf umherschwirren und sich einfach nicht vertreiben lassen. Wäre es jetzt nicht schon so „spät“ würde ich später ein wenig früher aufstehen, um in Ruhe etwas Yoga machen zu können… doch ich befürchte, dass mich die Gedanken selbst dabei verfolgen würden.

Nun trinke ich noch eben meinen Schlaftee aus, da es für meine Medikamente mal wieder zu spät ist & hoffe, dass ich wenigstens noch kurz und traumlos vor mich hin schlummern kann 🙂

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