Gesellschaftsbullshit.

Ich sitze mit meiner Oma, dem Elfenkind und geschwollenen Mandeln im Wartezimmer von unserem Hausarzt, als eine alte Bekannte meiner Oma zur Tür herein kommt.
Nach dem klassischen Begrüßungssmalltalk galt ihr Interesse ziemlich schnell dem Elfen und wie jedes mal, musste auch diese Frau unbedingt wissen, was die ganzen Kabel und Schläuche zu bedeuten haben; ob das wieder weggeht und wie lange er das alles wohl brauchen wird. Schnell gesellte sich auch eine weitere wartende Person dazu und stellte ähnliche Fragen.  Neben dem obligatorischen „oh ist der noch kleiiiin“, hatte sie allerhand Kommentare auf Lager und so kam es, wie es kommen musste – das Grundsatzthema war auf dem Tisch.
Inzwischen gäbe es ja ach so viele Frühchen und immer mehr Trisomie Kinder, obwohl sie das überhaupt nicht verstehen können. 

Sowas muss heute doch nicht mehr sein.

Eine kurze Frage, ob bei unserem Sonnenschein denn eine Chromosomenanomalie vorliege und schon ging es los. Ob die Eltern die Untersuchungen denn nicht machen lassen? Immerhin sind sie inzwischen schon so genau und sicher, dass es gerade heutzutage doch wirklich nicht mehr sein muss, solche Kinder zu bekommen.
Eine ganz gezielte Anspielung auf die Fruchtwasseruntersuchung und ich musste mich sehr beherrschen um ihr nicht meine Meinung ins Gesicht zu schleudern. Gebracht hätte es, abgesehen von einem durch die Aufregung irritierten Kind, wohl nichts und so antwortete ich lieber erst gar nicht.
Zu gut erinnere ich mich an den Tag, als wir darauf hingewiesen wurden, dass wir uns mit der Entscheidung zur Untersuchung nicht lange Zeit lassen sollen, dass man die Schwangerschaft noch problemlos abbrechen könne. Allein die Wortwahl, abbrechen… etwas nicht zu Ende führen… oder doch lieber,  ein schlagendes Herz dazu bringen seine Arbeit niederzulegen?!

Ihr wusstet es ja vorher.

Lange haben wir uns beratschlagt, Erfahrungsberichte gelesen und über alles nachgedacht, obwohl die Entscheidung von Anfang an stand und nur erneut hinterfragt werden musste. Letztendlich blieben wir dabei und entschieden uns gegen eine Untersuchung des Fruchtwassers, da wir unseren Elfen so oder so bekommen hätten. Es stand überhaupt nicht zur Debatte die Schwangerschaft zu beenden und dieses Kind zu töten… unser Kind!
Während des ganzen Prozesses unterhielten wir uns auch hin und wieder über den gesellschaftlichen Aspekt. Wir hatten schon gelesen und mitbekommen, was die Meinung vieler ist und wussten auch, dass es immer wieder Menschen geben wird, die nicht verstehen können, wie wir in dieser Situation genau diese Entscheidung treffen konnten. Neben den persönlichen Gründen, dem Risiko, der Entscheidung das Kind eh zu bekommen und der nicht bei 100% liegenden Genauigkeit, gab es auch gesellschaftliche Gründe, die uns von der Untersuchung abhielten. Wäre uns eine Trisomie vorhergesagt worden, hätten wir kein Interesse daran gehabt, eventuell gesagt zu bekommen, dass wir es ja schließlich wussten und unser Kind nicht bekommen hätten müssen. Ich bin kein Mensch der sich großartig über etwas beschwert, ab und an möchte aber auch ich meiner Belastung mal Luft machen & dann vielleicht das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass wir es ja schließlich so wollten, obwohl wir etwas dagegen tun hätten können… nein, das hätte ich wirklich nicht gewollt.

Und dann sitze ich da und höre diesen Satz den man sonst nur liest. Nie hätte ich damit gerechnet ihn mal selbst zu hören und mit solchen Gedanken konfrontiert zu sein.
Nein, es muss heute nicht mehr sein, „solche“ Kinder zu bekommen. Es muss aber auch nicht mehr sein, eben genau diese Kinder abzulehnen. Gerade heute, in der jetzigen Zeit mit den vielen medizinischen Möglichkeiten und Hilfsmitteln.
Niemand sucht es sich aus, ein krankes Kind zu bekommen und gerade deshalb sollten wir heute so weit sein, die Entscheidung den Eltern zu überlassen, die eh schon genug zu kämpfen haben. Egal wie die Entscheidung fällt, Vorwürfe und einfühlslose Kommentare sind einfach fehl am Platz. Denn auch wenn es „heute nicht mehr sein muss“, darf man darunter nicht  vergessen, dass es sich dabei um Kinder handelt. Geliebte und gewünschte Kinder,  die ihren Eltern auch krank die Welt bedeuten!

8 comments

  1. Och mir hat das mal wer im Bus gesagt. Seine Schwiegertochter hätte da ne Schwangerschaft abgebrochen. Gott sei dank muss man “ sowas “ ja nicht mehr bekommen heutzutage. Mein Sohn sei ja ein ganz süßer (da warer ca 5 monate). iIch schaute ihn an und meinte nur “ ja und der süße hat „sowas“
    danach war stille und der Opa war an der nächsten Haltestelle raus.
    Mein fröschlein hat mich zur Löwen mami gemacht
    LG
    Fio

    1. „Sowas“ – wenn man ein Kind auf seine Besonderheiten reduziert, ist es einfach nur traurig.
      Ich freue mich immer, wenn ich „besondere“ Kinder sehe, denn sie sind genauso wertvoll wie jedes andere in die Gesellschaft passend Kind!
      Und Euer Fröschlein ist eh zu goldig <3

  2. Tut mir weh, dass du sowas erleben musst. Ich wünschte die Dame würde diesen Beitrag lesen! Und außerdem gibt es heute viel weniger Trisomie, weil so viele „solche“ Kinder „abgetrieben“ werden!

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