Grenzübertritt

Bildschirmfoto 2014-07-21 um 16.16.19

Ein grinsen, ein böser Blick.
Ein Mann, eine Hand, eine Kamera.
Eine Lena in der Falle ihrer Seeele.
Ein Grenzübertritt, ein swatch.

Ich habe mich zu einer Trauung in die Kirche gewagt und saß mit meiner Mama, meiner Schwester und klein Bambi abseits auf dem Ende eine einer Bank. Der perfekte Blick auf das Brautpaar unter uns, der perfekte Platz für Menschen wie mich, die keine anderen Menschen ertragen. Es war die Hochzeit einer Freindin, ein emotionaler Ausnahmezustand.
Neben uns saß ein Mann, der Organist der Kirchengemeinde. In seiner Hand eine türkisfarbene Digitalkamera mit der er filmte. Zwischen ihm und mir saßen meine Mama und meine Schwester, klein Bambi auf meinem Schoß. Ein kleines Kind, brav und unauffällig. Ihr gefällt die Musik und sie lässt ihre Beinchen „schlendern“ so, dass sie ab und an an die Holzbrüstung prallen. Ein dumpfes Geräusch, kaum hörbar und nicht störend. Doch der Mann mit der Kamera sieht das anders, er will keine Geräusche auf seinem Filmchen haben. Ihm passt es nicht, dass ein kleines Mädchen lebt und keine Puppe ist. Meine Mama sagt Bambi, dass sie aufhören soll, weil es ihn stört… ich nehme es erst in diesem Augenblick wahr und küsse sie zaghaft.

Doch Bambina ist ein Kind, ein lebendes sich bewegendes Kind. Ihre Beine schlendern wieder hin und her und dann ist der Arm des Mannes da. Greift klein Bambi von hinten an den Arm… ich fühle mich zurückversetzt und erlebe es nicht… dann packt er mich am Oberarm und zieht mich nach hinten. Meine Zeit bleibt stehen, nun bin ich bewusst da und wie in Zeitlupe spüre ich den Wechsel in einen anderen Charakter. Ein anderes Ich, das alles von außen beobachten kann, aber nicht selbst betroffen ist. Das Ich sieht wie Mama mit dem Mann schimpft. Er wehrt sich und fühlt sich klar im Recht. Wir hören wie Mama sagt, dass das wirklich nicht geht und plötzlich kommen scharfe Worte aus „meinem“ Mund. Kalt und schneiden, dennoch viel zu harmlos „Sag mal GEHT´S NOCH???????“. Ich kann kämpfe mit den Tränen, ein kleines hilfloses Kind das stark sein muss. Es dauert fast die komplette restliche Trauung, bis ich mich wieder fangen kann und kein hilfloses kleines Kind mehr bin.

Böse schaue ich in sein ausdrucksloses Gesicht. Keine Regung. Einige Zeit später beuge mich nach hinten, um von der Bank hinter uns ein neues Programmheft zu holen. Ich schaue auf und sehe direkt in seine Kamera. Er, der sich ebenfalls nach hinten beugt und mit seiner Kamera auf uns zielt. Ich grinse verhalten. Angst. Ein Blick nach unten, die Kamera ist immer noch da. Ich lächle ihn freundlich an und beuge mich nach vorne. Ekel. Angst. Hilflosigkeit. Ich will nicht auf seinem Film sein. Er hat meine Grenzen doch schon übertreten. Doch ich muss freundlich schauen, wie ein innerlicher Zwang. Den restlichen Gottesdienst warte ich nur noch auf das Ende.
Ich versuche anschließend unseren Pfarrer zu sehen. Ein Mensch der mir Kraft gibt, doch er ist umzingelt. Von hinten kommt mein Held, der meinen Daddy mitbringt. Mein Daddy sucht unseren Pfarrer für mich und führt ihn kurzerhand zu mir. Ich frage zitternd nach einem Termin bei ihm und bekomme am Abend eine Mail in der steht, dass er sich gefreut hat mich zu sehen.

Am folgenden Tag erfahre ich von meiner Mama, dass er Mann häufig direkt Bambina und mich gefilmt hat. Sie hat sich manchmal extra so gesetzt, dass sie ihm im Weg saß.
Meine Oma saß auf der gegenüberliegenden Seite der Kirche und hat das Meiste beobachtet. Sie erzählte, dass sie sich gefragt hat weshalb er sich so verbissen nach vorne kauert um uns auf den Film zu bekommen. Beide nehmen sich vor ihm ordentlich die Meinung zu sagen, wenn sie ihn sehen.
Ich möchte weinen, doch die Tränen ersticken in meiner Seele.
Elijha hat mich im Tiefschlaf fotografiert. Mit Kabelbinder gefesselt. Mit entblößtem Leib. Hat mich bloßgestellt.
Der Mann ist nicht Elijha. Aber er filmt mich. Einfach so. Ohne wenn und aber.

Ich spüre die Angst. Die Machtlosigkeit. Unterlegen sein. Nicht einhalten persönlicher/körperlicher Grenzen.
Das kleine Kind das still um Hilfe ruft. Die Irrealität meiner Persönlichkeit.
Ich fühle den tiefen Fall nach unten.

8 comments

  1. Ich konnte es während des Lesens kaum glauben. Es tut mir so Leid, dass dieser penetrante Mensch grade dich ausgesucht hat, um seine scheinbare Langeweile und seine Frustration auf was auch immer, an dir auszulassen.
    War er der offizielle Hochzeitsfilmer oder hat er das für sich privat gemacht? Ich würde, wenn ihr ihn kennt, ihn klar ansprechen, er soll dich aus dem Film herausschneiden. Kennt ihr ihn nicht, dann wende dich an das Brautpaar.
    Du bist nicht hilflos! Wehr dich! Und allein bist du auch nicht! Ruf dir das immer wieder in dein Gedächtnis, sag es vor dich hin.

    Ich drück dich ganz fest und schicke dir ganz viel Kraft aus weiter Ferne!

  2. Du bist nicht allein!
    Ich kann mich so sehr in dich hinein versetzen und ich wünschte mir, ich würde näher bei dir wohnen und nicht so verdammt weit weg.
    Toll, dass diese Worte wie von selbst über deine Lippen kamen- das ist ein gutes Zeichen.. aber schade, dass die beiden ihn nicht direkt dort darauf angesprochen haben. Sowas geht einfach nicht. Verstehe nicht, was in solchen Menschen vorgeht.. wie dreißt manche Menschen sind, ohne Rücksicht auf Verluste. Als wär es selbstverständlich, Grenzen so sehr zu überschreiten. Und wie Janina schon geschrieben hat.. ausgerechnet du wurdest wieder dazu ‚erwählt‘, von so einem penetrantem Menschen.

    Ich denke ganz doll an meine Lena, bin in Gedanken bei ihr & hoffe, dass sie ihre Kämpfernatur wiederfindet. Fall nicht- rappel dich auf, zeig dem Rest der Welt und vorallem auch dir selber, wie stark Lena ist und dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Ich bin sehr stolz auf sie, weil sie schon so viel in ihrem Leben geschafft und gemeistert hat. Und das wird sie auch schaffen, da bin ich mir sicher.. nein, das weiß ich. Auch wenn es seine Zeit dauert.

    Du fehlst mir sehr. :-*

  3. Oh man, ich hab Tränen in den Augen und bin ganz bedrückt…
    Sende dir viele liebe Grüße und Kraft
    was es für Arschgesichter auf dieser Welt gibt, ist doch unglaublich!!!!

  4. Was für ein widerlicher Mensch!!!!
    Auf jeden Fall war das eine klare Grenzüberschreitung…Ich verstehe solche Menschen wirklich nicht!
    Aber sei stark! Ich hab mich hier bei dir mal umgeschaut und ich lese heraus (aus dem was ich bis jetzt gelesen habe) dass du sehr wohl eine mutige starke Frau bist! Lass dich nicht unterkriegen!!!

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