Kompromisse & das Abpumpen auf Intensivstation

Mit kleinem Frühchen auf Intensivstation stellt man sich um, geht nicht selten Kompromisse ein und muss über manches einfach hinwegsehen. In diesen Momenten geht es um das Wohl des Kindes & man möchte so viel wie möglich dafür tun, dass es ihm gut geht. Ganz egal wie viele Grundsätze man dabei über Bord werfen muss, einzig und alleine die Gesundheit zählt. So kommt es z.B. dass der Elf in seinem kurzen Leben schon so viele schulmedizinische Medikamente bekommen hat, wie er normalerweise nicht in Jahren bekommen hätte. Wattestäbchen mit Glukose zur Beruhigung, oder Betäubung von Schmerz, Bestandteile aus der Lunge von toten Tieren direkt in seiner Lunge & ganz viel Zeit ganz alleine in seinem kleinen Häuschen.
Normalerweise würde ich ihn niemals alleine lassen & nun liegt er 19/20 von 24 Stunden einfach nur da. Jetzt müssen wir lernen damit umzugehen, dass unser kleiner Junge teilweise lange weinen muss, bis jemand die nötige Zeit hat, sich um ihn zu kümmern. Auch wenn die Pfleger wirklich gut für die Zwerge sorgen, sie bekuscheln und die Bauchschmerzen bekämpfen, ist es einfach nicht immer in dem Ausmaß möglich, wie ich es mir wünschen würde.

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Doch auch was andere Bereiche betrifft, muss man ordentlich Abstriche machen. Versucht man Plastikmüll im Alltag so gut es geht zu vermeiden, ist man nun für ganze Berge verantwortlich. Die Schnuller, werden nicht mehr sterilisiert, wie es damals noch bei Bambi war, sondern landen allesamt im Müll. Genauso läuft es mit den Milchfläschchen, Abpumpsets und Stillhütchen – Einwegartikel kommen einfach günstiger. In den letzten 3 Monaten habe ich ganz alleine mehrere Müllsäcke gefüllt, denn auf Intensivstation, wird alles ganz genau genommen.

Vor jedem Gebrauch muss die Milchpumpe mit desinfizierten Händen mit Desinfektionstüchern abgewischt werden. Zu Hause können Mehrweg-Abpumpsets verwendet werden, die man nach jedem Pumpen auskochen muss, doch in der Klinik ist es notwendig jedes mal ein neues Einmalset zu benutzen. Da ich auf beiden Seiten gleichzeitig pumpe, brauche ich jedes mal 2 Sets & 2 Flaschen, die ich dann in eine zusammen schütte. Es bleibt also grundsätzlich ein benutztes Fläschchen über, das ich zur weiteren Verwendung mit nach Hause nehme. Anschließend wird die Milch in die Milchküche gebracht, wo sie portionsweise in neuen Falschen eingefroren wird – es landet eine weitere im Müll. Bevor die aufbereitete Milch wieder auf Station ankommt, wird sie genau abgemessen und je nach Menge in einer Spritze aufgezogen, oder in die nächste saubere Flasche gefüllt – schwupps & schon liegt noch eine im Müll. Bekommt das Kind nun mehr als 20 ml, oder trinkt schon selbst, befindet sich die Milch in Fläschchen, die nach dem Füttern/Sondieren wieder… na wer weiß es? Genau! Auf dem großen großen großen Müllberg, genauso wie der Sauger übrigens.

Da wir isoliert sind, werden die Flaschen desinfiziert einen Zip-Beutel gesteckt, der mit Desinfektionstüchern abgewischt & in ein weiteres Türchen gesteckt wird, bevor er in den Kühlschrank kommt. Zurück kommt die Milch ebenfalls von den anderen getrennt und extra verpackt.
Zusätzlich müssen wir unseren Kittel nicht nur bei jedem Betreten der Intensivstation wechseln, sondern müssen ihn wegwerfen sobald wir das Zimmer verlassen möchten (& sei es nur, um eine Schwester zu rufen) und einen neuen anziehen, wenn wir das Zimmer wieder betreten. Übrigens auch, wenn wir vergessen haben einen Stuhl zu holen und noch nicht mal in der Nähe unseres Kindes waren.
Als müsste man sich Sorgen darum machen, dass es zu wenig Plastik in den Weltmeeren gibt & die Fische daher nicht überleben können.
Doch die Klinik fährt wohl besser damit, Einmalartikel für den Klinikbedarf in Großmengen zu kaufen, als Strom, Wasser und den Lohn der Angestellten zu bezahlen, die die Mehrwegartikel früher gereinigt haben. Plastikflaschen werden nicht krank, bekommen keinen bezahlten Urlaub und beschweren sich nicht. Ich verstehe den wirtschaftlichen Aspekt vollkommen, doch es tut mir Tag für Tag im Herzen weh, wie sehr ich die Müllberge wachsen lassen muss.

3 comments

  1. Als Intensivkrankenpfleger kann ich deine Meinung bedingungslos teilen. Aber wie du schon sagtest, spielt der ökonomische Aspekt eine wichtige Rolle. Und Einmalartikel, inklusive Verpackung, sind heutzutage tatsächlich die günstigere Alternative. Trotzdem frage ich mich jeden Tag bei der Arbeit, wie zum Teufel wir so viel Müll auf unserer kleinen Intensivstation produzieren können. Irgendwie geht das anscheinend…

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