#selbstgeboren – harter Tobak für Frauen wie mich

Bildschirmfoto 2014-03-30 um 04.31.56Die Wortwahl einer Hebamme die zu einer Art Protestbewegung aufruft ist harter Tobak für Frauen wie mich oder meine Herzensfrau.
Auf ihrer Seite selbstgeboren ruft sie Frauen dazu auf, ihre Geburtsgeschichte zu teilen. Der einzige Haken an der Sache ist, dass die „Geburt aus eigener Kraft erlebt“ und der „Geburtsverlauf, frei von Manipulation oder Eingriffen von Außen. (D.h: Ohne künstlich eingeleitete Wehen, PDA, Kristellern, Dammschnitt, Saugglocke oder Kaiserschnitt.)“ sein muss. Nur dann passt man in ihr Buchprojekt „SELBSTGEBOREN“, eine Aktion die die Mütter spaltet und alle ausschließt & abwertet, die ihr Kind nicht ohne medizinische Hilfe bekommen konnten.

Mit dem genauen Hintergrund ihres Projekts habe ich mich nicht befasst und kann daher auch nicht beurteilen, ob sie eine strikte Verfechterin der natürlichen Geburt ist, oder einfach nur unsensibel. Denn dass der Berufsstand der Hebammen in Gefahr ist, stimmt leider und auch, dass die Geburtshilfe zentralisiert werden soll. Somit könnten Frauen ihre Kinder in naher Zukunft fast nur noch in Perinatalzentren zur Welt bringen, die sich teilweiße in unerreichbarer Entfernung von ihrem Wohnort befinden. Das wurde uns schon Ende 2011 auf einem Infoabend der zweitgrößten Klinik im Umkreis erzählt, begeistert war davon allerdings niemand.

Doch zurück zum Thema. Hat man sein Kind nun also nicht #selbstgeboren, wenn Wehen eingeleitet wurden, ein Dammschnitt oder gar Kaiserschnitt nötig war? Habe ICH mein Kind also nicht selbst geboren, weil es ein geplanter Kaiserschnitt war? Medizinische Indikation hin oder her, das spielt überhaupt keine Rolle & verändert nichts an der Tatsache, dass es eine Geburt war.
Doch mit dieser Aktion trifft Anna Virnich in tiefe Wunden vieler Frauen. Mütter, die sich eh schon fragen ob sie das Kind denn tatsächlich zur Welt gebracht haben, denn war es nicht der Arzt, der es holte?
Mamas die teilweiße stark darunter leiden, dass ein Eingriff von außen notwendig war. Frauen die sich nicht mehr als Frau fühlen, weil sie „versagt“ haben und es nicht geschafft haben das Kind aus eigener Kraft zu gebären. Oder Mädchen wie mich, die sich nicht daran erinnern können jemals schwanger gewesen zu sein & ein Kind zur Welt gebracht zu haben. All das sind Mamas, die sich in der Gesellschaft und vor allem in Kreisen anderer Mütter behaupten müssen. Viel zu häufig wird einem vermittelt, dass ein Kaiserschnitt oder eine PDA ja nun mal nicht „richtig“ oder „von der Natur“ gewollt ist. Und da es ja so viel einfacher ist, als eine spontane Geburt ohne Hilfe, kann man das natürlich überhaupt nicht vergleichen. Genau dieses Feuer der Vorurteile facht sie mit ein paar unbedachten Worten nun noch weiter an. Vor allem folgender Satz spiegelt für mich das wieder, was unter Müttern teilweiße Gang und gebe ist.

Ich habe meine Kinder SELBSTGEBOREN. Mit einer Geburt aus eigener Kraft sind sie in diese Welt gekommen

Und nun wird es persönlich, denn ich habe meine ganz eigene Geschichte, mit der ich zeigen möchte was das Wort #selbstgeboren in diesem Zusammenhang auslösen kann.

Ich bin Lena, eine junge Mutter die eine primäre Sectio mit medizinischer Indkiation hatte, ohne die mindestens einer von uns beiden die Geburt nicht überlebt hätte. Zu deutsch also einen geplanten Kaiserschnitt, ganz unspektakulär und doch so sehr in Verruf.
Bambinchen Schwangerschaft war sehr kritisch und riskant, doch die größten Probleme spielten sich bei mir auf psychsicher Ebene ab. Denn obwohl die Schwangerschaft das Größte für mich war und ich zuvor alles dafür gegeben hätte endlich erneut zwei rosa Striche auf dem Test zu sehen, dissoziierte ich sie komplett. So dass meinem Kopf zwar klar ist, dass Bambina biologisch gesehen meine Tochter ist und ich somit auch schwanger gewesen sein muss, ich aber nichts davon weiß. Ich kenne die Fakten die immer jeder hören will, doch nicht als Erinnerung, sondern als abgespeicherte Geschichte, als hätte ich den Schwangerschafts- & Geburtsbericht einer anderen Frau gelesen.
Ich war die hochschwangere Lena, die trotz Babybauch nicht das Gefühl hatte schwanger zu sein, oder ein Kind im Bauch zu tragen. Dass es wohl auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen wird war fast von Anfang an klar, doch als es von ärztlicher Seite endgültig entschieden wurde hat sich alles in mir gesträubt. Umso näher die Geburt kam, umso weniger wollte ich es, denn es war noch zu früh. Ich wollte vorher doch zumindest mal das Gefühl gehabt haben WIRKLICH schwanger zu sein und wenn dies schon nicht der Fall ist, möchte ich es doch wenigstens aus eigener Kraft in diese Welt bringen. Jeder sprach über das Kind, ich erzählte brav die Details aus dem Mutterpass und zeigte Ultraschallbilder, doch keiner wusste was sich in mir abspielte. Ich habe es nicht ertragen andere Schwangere zu sehen, bei denen alles okay war, denn nichts hatte ich mir sehnlicher gewünscht. Die Schwangere war nicht ich, nein ich bekam kein Kind und doch kam der Tag der Geburt unaufhaltsam näher. Und mit ihm die große Angst auch die Geburt und das Baby nicht bewusst zu erleben.
Lange Zeit hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich die Frage wer überleben sollte, wenn nur einer von uns beiden gerettet werden könnte (Filmklischee) mit „ich, bitte entscheide Dich für mich“ beantwortete. Ja, ich hatte tatsächlich große Angst davor zu sterben und hätte das Baby für mein Leben geopfert… mein eigenes Baby.

Bildschirmfoto 2014-03-30 um 04.31.37Es kam wie es kommen musste und ich durfte weder die Geburt noch die Zeit danach bewusst erleben. Ich habe also tatsächlich ein Kind #selbstgeboren, ohne es selbst geboren zu haben. Ich habe nicht nur mit den Vorurteilen des Kaiserschnitts zu kämpfen, oder damit, dass ich es nicht geschafft habe… nein, ich habe damit zu kämpfen, dass ich ein Kind zur Welt brachte, ohne es geboren zu haben. Dieses recht intime Foto, ist das einzige von vielen, zu dem ich zumindest eine klitzekleine Verbindung habe, denn es war der EINZIGE Moment, in dem ich dieses wundervolle Wesen spüren konnte.
Mein Kopf weiß, dass klein Bambi biologisch meine Tochter ist. Ich habe schwarz auf weiß, dass sie UNSER Kind ist, doch ich kann mich bis heute nicht erinnern und es leider auch nicht fühlen. Auf Schwangerschaftsfotos erkenne ich mich nicht und die die das Kind zur Welt brachte war nicht Lena.

Und als ob das alles nicht schon schlimm genug wäre, soll mir nun auch noch das Wissen genommen werden, klein Bambi #selbstgeboren zu haben? Nun möchte sich also eine Hebamme tatsächlich das Recht herausnehmen, darüber zu urteilen, wer sein Kind selbst geboren hat und wer nicht? Wer zur Gruppe der „richtigen“ Mütter gehört? Und alles nur, weil bei uns eine „äußerliche Manipulation“ stattgefunden hat.

Um dagegen zu protestieren werde ich nun ein paar Wahrheiten zu mir selbst und zu allen anderen Mamas sagen.
Haltet es Euch immer vor Augen, wenn Euch die Selbstzweifel überrollen oder Ihr einfach nur noch weinen wollt, weil Ihr in Euren Augen versagt habt.

  • Wir sind ALLE RICHTIGE Mütter!
  • JEDE von uns hat sein Kind #selbstgeboren!
  • Egal wie die Geburt verlief, WIR haben das Kind zur Welt gebracht!
  • Hilfe von außen heißt nicht, dass die Geburt uns keine Kraft gekostet hat!
  • Im Gegenteil, die Geburt hat uns genauso viel Kraft gekostet wie allen anderen auch!
  • Manchen sogar noch mehr, weil es viel zu verarbeiten gibt!
  • Wenn DU ein Geburtstrauma erlitten hast, hast Du auch das RECHT darunter zu leiden!
    Ein Geburtstrauma setzt eine Geburt voraus!
  • Wir sind ALLE wertvoll!
  • DU bist eine GUTE Mutter, egal wie Dein Kind zur Welt kam!

DU genau DU hast DEIN Kind #SELBSTGEBOREN!
Lass Dich durch solche Worte nicht verunsichern.

Ich selbst war nebenbei eine Saugglockengeburt mit 400 N bei der ich unendliches Glück hatte, denn ich hatte die Beckenmitte noch nicht erreicht und der Körper meiner Mutter hatte sich schon darauf eingestellt, dass die Geburt zu Ende ist. Trotz sehr hochgedrehtem Wehentropf waren keine Wehen mehr vorhanden, sondern nur noch minimalste Muskelkontraktionen. Unter normalen Umständen kommt eine Vakuumextraktion nicht in Frage, wenn das Kind die Mitte des Beckens noch nicht überschritten hat, doch nach über 1 Stunde Geburtsstillstand ging es bei mir um jede Sekunde!
Und dennoch hat meine Mama mich #SELBSTGEBOREN und ohne die medizinische Hilfe bei „meinen Geburten“ wäre ich heute schon doppelt nicht mehr am Leben.

Du willst Deine Erfahrungen ebenfalls teilen? Dann ab zur Blogparade von Berlinmittemom!

Nachtrag 2. April 2014

Ich bin dankbar für dieses Kind. Dankbar dafür, dieses Wunder geschenkt bekommen zu haben und trotz allem Tag für Tag auf´s Neue angelacht zu werden.
Ich bin dankbar für die medizinische Hilfe, für den Kaiserschnitt und dafür, dass die Ärzte mich dabei unterstützten einem Baby das Leben zu schenken.
Wir sollten unter all dem Schmerz nicht vergessen, dass jedes Kind ein Geschenk des Himmels und die Geburt nur ein Tag von vielen ist. Ein Tag von 70/80 Jahren… ein Tag von tausenden, die wir mit unseren kleinen Engeln verbringen dürfen. Dank unserer eigenen Kraft und der Hilfe der Medizin!
Auch wenn so manche Geburt wirklich nicht schön verlief, wurde nur durch diesen Tag ein Wunder in diese Welt gebracht! Nur durch den möglicherweiße ungeplanten Kaiserschnitt lebt das eigene Kind… wir Mütter sollten nicht daran denken müssen wie schlimm es war, sondern dafür danken, dass wir eben DURCH und DANK dieser Hilfe Tag für Tag Freude mit unseren LEBENDEN Kindern haben 🙂

Die Gedanken der anderen Menschen können wir nicht ändern, doch die Veränderung beginnt bei und in uns selbst :-*

9 comments

  1. Ich bin schockiert über das was die Hebamme da sagt es ist wirklich hart sowas zu lesen. Ich selber hab einen Kaiserschnitt hinter mir und ich hatte stark damit zu kämpfen weil ich zusätzlich in Vollnarkose war. Ich hab im ersten Moment als ich meine Tochter gesehen hab nichts gespürt weil die Bindung nicht da war und ich hab mich schlecht gefühlt. Heute liebe ich meine Tochter um so mehr und ohne die Hilfe eines Arztes hätte mein Kind vielleicht auch sterben können, weil sie im Becken fest hing.

    Ich bewundere dich für diesen Artikel und das du deine Geschichte teilst.

  2. Ein bewundernswerter, schockierender Bericht. Was ist das nur für eine Frau, die so eine Scheisse verzapft? Du bist eine tolle Mutter und dieses Bild ist zauberhaft <3 wird sie da das erste mal gestillt? Ich weiß noch wie oft Mulle mir nach der Geburt an der Brust hing.

  3. Auch ich musste mein Kind per Kaiserschnitt zur Welt bringen … Nach einer Woche Wehen und ständigen Versuchen ging es medizinisch nicht anders. Leider auch noch unter Vollnarkose weil alles andere ich und das Kind nicht geschafft hätten. Zum Glück ging alles gut und wir sind beide gesund. Ohne diesen Eingriff wären wir wohl beide nicht mehr am Leben – da die Nabelschnur von meinem Kleinen einfach zu kurz war für eine „richtige“ Geburt …
    Zum Glück habe ich nach kurzer Zeit eine gute Bindung zu meinem Kind aufgebaut und ich finde solche Aussagen einfach nicht gut …
    Aber ich finde es toll das du für die ANDERE Seite schreibst …
    Alles Liebe und Gute Kristina

  4. Ja, ich hab das auch auf Facebook verfolgt… Definitiv haben wir selbst geboren!!! Schade, dass es wieder die trifft, die ohnehin an sich zweifeln. Danke für Deinen sehr persönlichen Bericht!

  5. Unmöglich!
    „Nicht natürlich bzw. von der Natur vorgesehen“: ich bitte diese Dame dann mal darum, dass sie alles, was „nicht natürlich“ ist, aus ihrem Haushalt zu entfernen… Computer, Fernseher, Kleidung… Wo hätten die Steinzeitmenschen denn Jeanshosen herbekommen sollen???
    Ich habe selbst noch keine Geburt erlebt, kann daher also nur über meine Vorstellungen davon schreiben, finde jedoch, dass eine Geburt bedeutet, dass ein Kind das Licht der Welt erblickt – schlicht und einfach; egal auf welchem Weg. Früher sind Säuglinge bei der Geburt einfach gestorben. Soll das heute auch so passieren? Weil „die Natur es ja so wollte“? Meiner Meinung nach ist der Kaiserschnitt eine sinnvolle „Erfindung“, die Leben und Glück rettet!

    Fühlt Euch alle gedrückt!
    Eure Kinder wuchsen unter Euren Herzen und sind am Tag der Geburt aus Euren Körpern auf die Welt gekommen – IHR HABT SIE GEBOREN. Und Hilfe braucht jeder mal im Leben, dafür muss man sich nicht schämen oder minder wert fühlen 🙂

    Und meine liebste Lena: Paare, die ihre Kinder adoptieren, haben das Kind nie in sich getragen, und sind trotzdem die richtigen Eltern!
    Es ist schrecklich, dass Du Dich bei Deiner biologischen Tochter so fühlen musst, doch in meinen Augen wärest Du selbst, wenn Du wirklich nicht mit ihr schwanger gewesen wärst (ich bin ja Zeugin ;P), ihre richtige Mama :-*

Sag mir Deine Meinung :)

%d Bloggern gefällt das: