„sexueller Missbrauch“ im Gottesdienst (lesen lohnt sich!)

Bildschirmfoto 2013-11-10 um 00.04.28(das Bild habe ich bei tumblr gefunden)

Obwohl ich bis zum Abend noch gezögert hatte, waren wir letztendlich doch in dem außergewöhnlichen Gottedienst, der ein sehr heikles Thema aufgriff. Ein Sexual- & Traumatherapeut sollte über das Thema“sexueller Missbrauch“ sprechen und ich sah das Ganze um ehrlich zu sein etwas kritisch… so ein Thema in der Kirche?

Letztendlich war es gar nicht mal so schlecht. Am Anfang dachte ich mir „komm doch bitte bitte mal zum Punkt“, doch schnell wurde mir klar, dass es ihm nicht leicht viel vor so vielen Menschen über seine eigene Geschichte zu sprechen. Er selbst hat als Kind verschiedene Arten des Missbrauchs erlebt, war dann Sozialarbeiter beim Jugendamt & arbeitet nun seit 10 Jahren als Sexual- & Traumatherapeut bei einer christlichen Organisation.

Ich hätte mir gewünscht, dass er ein wenig mehr darauf eingeht, wie Angehörige/Bekannte mit dem Betroffenen am Besten umgehen sollten. Oder Lösungswege aufzeigt, die zeigen, dass es möglich ist.
Stattdessen legte er viel Wert darauf zu vermitteln, was dahinter steckt. Dass Außenstehende zumindest im Kopf verstehen können was sich in der Psyche des Betroffenen abspielt. Kurz hat er auch die rechtliche Sicht erörtert, was ich aber eigentlich ziemlich gut fand.
Irgendwann kam der Punkt, an dem er einfach nur noch sprach und mit jedem Wort die Wahrheit sagte & ich das Gefühl bekam innerlich zuzustimmen. Er beschrieb verschiedene Situationen und die daraufhin möglichen Reaktionsweisen der Betroffenen. Stellte klar, dass nicht jeder der ein Trauma erlitten hat auch Probleme dadurch bekommt & sprach ganz direkt die Opferrolle in die Betroffene gezwängt werden. Denn wenn man noch Mut hat… wenn man einigermaßen normal weiterlebt, kann es ja nicht so schlimm sein, also bist Du kein richtiges Opfer. NEIN, es reagiert einfach nur jeder anders darauf.

Er ging auch kurz darauf ein, dass es mehrere kleine Traumen gibt, die im Zusammenspiel oft größere Probleme machen, als ein großes Trauma durch ein einmaliges Erlebnis. Menschen, die in einem liebevollen Umfeld aufgewachsen sind und denen es somit immer gut ging verarbeiten eine Vergewaltigung statistisch gesehen schneller und auch sehr häufig ohne bleibende Schäden.
Hatte der Mensch allerdings in der Kindheit schon hier und da ein Trauma, ist die Gefahr höher weitere Traumen zu erleiden und diese dann auch nicht gut verarbeiten zu können.

Da ich mich mit dem Thema sehr gut auskenne, war es für mich eine Art Vortrag ohne etwas Neues. Doch für Menschen, die sich noch nie mit solchen Themen beschäftigt haben, dürfte es äußerst interessant gewesen sein mal die Hintergründe aufgezeigt zu bekommen.
Ich fand es wie gesagt nur schade, dass es nicht wirklich darum ging, wie man denn mit einem Betroffen umgehen sollte, oder ihm helfen kann… wobei doch gerade das so wichtig ist.

Also versuche ich es mal. Ich spreche aus eigener Erfahrung, ohne vom Fach zu sein. Ich übernehme auch keine Haftung für meine Aussagen, denn es meine persönliche Meinung!

  • Zeigt der Person, dass ihr für sie da seid!
  • Hört ihr zu, wenn sie reden will und unternehmt was, wenn sie einfach normal leben möchte
  • seit nicht neugierig, bietet aber an, dass die Person reden kann wenn sie WILL
  • Gebe der Person das Gefühl, dass sie sich auf Dich verlassen kann!
  • Begleite sie zu schwierigen Terminen, wenn sie nicht alleine gehen möchte
  • Schlage ihr einen Besuch bei einer Beratungsstelle vor
  • Gehe auf das ein, was sie will. Jeder Betroffene verarbeitet es anders, für ihn gibt es kein falsches Verhalten. Jeder muss seinen eigenen Weg finden mit dem Erlebten klarzukommen.

Unter dem Menüpunkt „Du brauchst Hilfe?!“ findest Du Anlaufstellen & mit Sicherheit auch die gesuchte Hilfe (:

4 comments

  1. Ein sehr guter Beitrag!!!

    Ich bin selbst Betroffene und ich betreue mittlerweile auch Betroffene.

    Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass vieles ein Trauma auslösen kann, ein Unfall, ein Sturz, eine Ohrfeige….es kommt auf die Umstände an.
    Wenn jemand schon früh lernt, dass er nichts wert ist, dass er nicht geliebt wird, dann werden ihm schlechte Erlebnisse mehr zu schaffen machen.
    Und letztlich kommt es auch noch darauf an, wie mit einem umgegangen wird, wenn etwas passiert.
    Ich erinnere mich z.b. an eine Vergewaltigung, wo eine Polizistin!!! zu mir sagte, wundern Sie sich, dass ihnen das passiert, wenn sie so herumlaufen….es war Sommer und ich hatte eine Caprihose und ein bauchfreies Shirt an….dieses Erlebnis hat mir lang zu schaffen gemacht, es bestätigte mich in meinem „Schuldgefühl“.

    Es gibt übrigens mehrere Untersuchungen darüber, wer am besten mit den Erlebnissen des Holocausts umgehen konnte.
    Am besten schafften es die, die mit ebenfalls Betroffenen reden konnten.
    Am zweitbesten waren es die, die eine Trauma-Therepie machten.
    Sehr schlecht ging es denen, die nicht darüber reden konnten.

    1. Du betreut Betroffene? Finde ich super!

      Ich stimme Dir vollkommen zu, auch vermeintliche „Kleinigkeiten“ können schon ein Trauma auslösen und die Folgen des Traumas hängen nicht unbedingt mit der schwere des Erlebten zusammen.
      Ich finde es schlimm, dass Dir so etwas gesagt wurde, doch es spiegelt leider die Meinung der Gesellschaft. Und uns Betroffenen macht diese kleine Aussage unheimlich zu schaffen.

      Wobei ich persönlich mit dem realem Kontakt zu anderen Betroffenen überhaupt nicht klarkomme. Ich habe zu oft erlebt, dass unterschwellig versucht wurde das Erlebte zu topen. So oft und so sehr, dass ich mich selbst überhaupt nicht mehr ernst nehmen kann.

      1. Ich habe meine eigene Geschichte soweit verarbeitet (an den Spätfolgen knabbere ich noch, aber das bleibt wohl auch), deshalb kann ich anderen auch helfen.
        Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass die Therapeuten, die selbst diese Erfahrung gemacht haben, die besten sind. Die anderen haben es sich „anstudiert,angelesen“ und das ist keine gute Grundlage.

        Was den realen Kontakt angeht, so kann ich das teilweise bestätigen.
        Vor über zwanzig Jahren meinte meine damalige Therapeutin, dass ich doch mal in eine neu entstandene Selbsthilfegruppe von Mißbrauchsopfern gehen sollte.
        Ich war nie ein Freund von Selbsthilfegruppen, bin aber doch mal hingegangen. Es war der blanke Horror.
        Jedesmal, wenn eine etwas von ihrer Geschichte erzählte, dann kam eine und meinte, das sei ja noch gar nichts, bei ihr sei es viiiiel schlimmer gewesen….das war einfach schlimm….denn letztlich ist es völlig egal, ob es „nur“ einmal passierte oder zigmal, es ist ein Trauma.

        Ich bin dann nicht mehr hingegangen. Das musste ich mir nicht antun. Meine Thera war auch entsetzt und sie hat sich dann dafür eingesetzt, dass diese Selbsthilfegruppen therapeutisch begleitet wurden, damit so etwas nicht wieder passiert.

        Im privaten Umfeld finde ich es angenehm, wenn ich Leute habe, mit denen ich über das Erlebte reden kann, sie verstehen ohne viele Worte, ich muss mich nicht ständig erklären.
        Aber für solche Gespräche muss ich jemand auch schon ein bissel kennen.

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