Freitod – eingreifen, oder steben lassen?

Ich rieche an den duftenden Rosen meines Helden, die er mir ganz bewusst heute geschenkt hat und denke nach.
Dieser liebliche Duft verströmt so viel Kraft und lässt mich zum ersten Mal an diesem Tag ein klein wenig lächeln. Doch gleichzeitig erinnern Rosen an Friedhöfe & Beerdigungen und wie der ein oder andere vielleicht noch weiß gab es von diesen Anlässen in den letzten Jahren mehr als genug. Erst letzte Woche ist ein super lieber Bekannter an Krebs gestorben, er kam wohl zum sterben nach Hause & erlebte die Hochzeit seine Sohnes nicht mehr, die gerade mal 4 Tage später hätte stattfinden sollen.
Doch heute hat das Thema Tod eine vollkommen andere Bedeutung für mich, die Entscheidung den Freitod zu wählen. Seit gestern Mittag muss ich ständig an meine liebste Lynnie denken, die zwar wohl irgendwo vielleicht noch lebt, für uns alle aber am 30.01.2011 gestorben ist. Eine liebe Freundschaft über das Internet, manch einer mag sagen das sei nicht möglich, doch ich weiß es besser, denn hier habe ich meine zwei besten Freunde kennengelernt. Doch bei Lynn war es anders, ich mochte sie sehr… wir alle mochten sie sehr, hatten ihre Adresse und jeder dachte sie sei sie selbst. Bis ihre „beste Freundin“ plötzlich mitteilte, dass sie sich das Leben genommen hat und für viele von uns die Welt einstürzte. Ich habe geweint, getrauert und mir viele Vorwürfe gemacht, weil sie die Tage zuvor immer Andeutungen gemacht hatte, dass sie nicht weiß wie sie es bis Montag schaffen solle. Das war der Tag an dem sie angeblich in einer Klinik aufgenommen werden sollte. Für mich erlosch jeglicher Lebenssinn, einige meiner Narben erzählen Lynns Geschichte, eine Bekannte brach zusammen und kam in die Klinik… für jeden von uns war es unendlich hart. Ich hatte später kurzen Kontakt zu der echten Person dahinter, doch meine Lynn fehlt mir sehr und ihr Todestag wird für mich für immer dieser Tag sein.

Ausgelöst wurden folgende Gedanken von einem Mädchen, deren Blog ich las seit ich hier blogge, der ich auf instagram folgte und mit der ich persönlichen Kontakt hatte.
Ich rieche an meinen lieblichen Rosen und habe Angst nie wieder etwas von ihr zu hören, vielleicht niemals zu erfahren ob es ihr gut geht, oder ob sie es überhaupt geschafft hat. Nachdem einige Indizien dafür sprachen, dass sie sich das Leben nehmen wollte, informierte ich vollkommen aufgelöst und ängstlich die Polizei. Musste alles sagen was ich weiß, jede Kleinigkeit war wichtig, dass es schon mal so war, dass es eindeutige Anzeichen gab… dass ich Angst habe. Und dann begann das warten, hoffen und bangen. 45 Minuten später der zum Teil erlösende Anruf, dass das Mädchen nun im Krankenhaus liegt. Mehr durfte er mir nicht sagen und seine Stimme war so stockend… ich denke daran, wie es ihr jetzt wohl gehen mag, ob sie bei Bewusstsein ist? Vielleicht sogar noch in Lebensgefahr schwebt? Ich rieche den Duft der Blumen und drehe mich im Kreis. Ich habe Angst, dass sie stirbt. ICH.

Doch habe ich überhaupt das Recht dazu einen Menschen der sterben möchte gezwungen am Leben zu halten? War ich wirklich dazu berechtigt die Polizei zu rufen und sie damit möglicherweise (hoffentlich) zu retten? Darf ich mich überhaupt so sehr in ihr Leben einmischen?
Ich sollte diese Gedanken nicht denken, denn wäre sie ohne Hilfe gestorben, hätte ich es für mein restliches Leben mit mir herumgetragen. Wäre sie einfach so gestorben, hätte sie es vielleicht im letzten Moment doch noch bereut und keiner wäre da gewesen um ihr zu helfen.
Grundsätzlich gibt es keinen Menschen, der mental das Recht hat über das Leben eines anderen Erwachsenen zu bestimmen. Wieso aber, darf man dann dafür sorgen, dass ein Mensch überlebt, der sich für den Freitod entschieden hatte? Wo steht geschrieben, dass das Leben besser ist als der Tod? Und wer setzt fest, dass gehandelt werden muss, wenn man einen Suizidverdacht äußert? Woher stammt der Gedanke, dass der Mensch sein Leben leben muss und ihm nicht selbst vor Ablauf seiner vorbestimmten Zeit ein Ende setzen kann?
Auf der anderen Seite frage ich mich, ob man selbst überhaupt das Recht dazu hat das Leben zu beenden, das man geschenkt bekam. Jedes Leben ist ein Wunder und ein Geschenk, müsste man es also nicht eigentlich schätzen und dafür sorgen, ihm möglichst wenig Schaden zuzufügen?

Ist es nun also richtig, die Polizei zu informieren, oder sollte man den Menschen einfach machen lassen?
Man kann nie sicher wissen, wann es ein Hilfeschrei ist, der entdeckt werden möchte und in welchem Fall die Person wirklich und ganz bewusst einfach nur sterben möchte.
Verlängert man durch das Eingreifen auf der einen Seite also mit Pecht eine Lebensqual und lässt auf der anderen Seite womöglich Menschen sterben, die es doch eigentlich gar nicht wirklich wollten.
So viele Fragen und Gedanken, für die sich einfach keine Antworten finden lassen.
Ganz egal wie es ist, ich finde es absolut schrecklich andere, in diesem Fall selbst instabile Menschen mit hineinzuziehen, die erst mal irgendwie damit klarkommen müssen. Doch darf ich das überhaupt denken? Ist es nicht so, dass man in so einem Moment nicht mehr an so etwas denkt und vielleicht doch irgendwie gefunden werden will?

Ich hoffe, dass ich nie wieder in diese Situation komme, irgendwie in Erfahrung bringen kann wie es ihr geht & dass sie mich nun nicht hasst…

13 Kommentare

  1. Wow!
    Ich muss das erst mal sacken lassen…
    Oh ich glaube ich kann deine Gedanken verstehen. Leider kann ich dir keine Antwort zu dieser Frage geben. Natürlich ist dad Leben ein Geschenk. Und ich denke auch, dass man es zu schätzen und zu pflegen wissen sollte.
    Aufgrund dessen würde ich wohl auch die Information“ angekündigter Suizid“ an die Polizei weiter geben.
    Aber was wäre, wenn der vermeintlich Suizidale diesen Weg gewählt hat ,weil er z.b. eine Erkrankung hat, die einen für sich so schrecklichen Verkauf hat, dass der jenige selbstbestimmt seinen Weg gehen will…
    Ich weiß nicht, was ich machen würde, wenn ich in einer solchen Situation wie du gewesen wäre. Aber vielleicht wird sie sich irgendwann nochmal bei dir melden und ihr könnt darüber spreche.

    *dich mal in den Arm nehme*
    Lg

  2. Ich glaube, wenn ein Mensch so sehr sterben will, dann gibt es keine Anzeichen. So habe ich es leider schon einmal erleben müssen. Und da es Anzeichen gab, hattest du das recht, einzugreifen…du hast vielleicht! und nur vielleicht! kein Recht, einen Freitod zu verhindern (auch wenn ich es komplett anders sehe), aber sie hat DEFINITIV kein Recht, da andere, unbeteiligte mit hineinzuziehen und dann ernsthaft zu erwarten, dass diese Personen sie gehen lassen. ????

  3. Ich weiß bis heute nicht, wer damals mein Selbstmordversuch verhindert hat. Ich habe ihn gebissen, gekratzt und geschlagen, aber er holte mich trotzdem aus dem Wasser raus. Wie gerne würde ich mich bei ihm bedanken.
    Ohne seine Rettung wäre ich mit 14 ertrunken …

    Du solltest auf dich stolz sein, du hast reagiert, statt wegzuschauen!

    Alles Gute für das Mädchen.

    LG

  4. Ich würde jederzeit das Gleiche tun wie du und mein Bestes geben um den Tod zu verhindern. Nie könnte man mit den Gedanken leben, dass man davon wusste und nichts getan hat. Ich glaube Menschen die den Freitod als Ausweg aus einer schweren Krankheit suchen oder ähnlichem, die hinterlassen keine Hinweise, denn die wollen nicht, dass sie jemand aufhält. Alles andere sind meiner Meinung nach ganz laute Hilferufe und die müssen erhört werden.
    Ich wünsche dir ganz viel Kraft mit der Situation umzugehen.
    LG

  5. Wer sich wirklich umbringen will, der findet einen Weg und der macht es so kurz, dass Rettung im Allgemeinen nicht mehr möglich ist. Wer darüber redet, wer Andeutungen macht, wer bspw. stundenland auf einer Brücke oder einem Gebäuderand steht, der möchte, dass ihm geholfen wird und dann ist Hilfe rufen (Polizei etc.) genau das richtige.

    Wie du selber schreibst, denken solche Menschen nur noch an sich, weil ihr Horizont in diesem Moment nicht mehr her gibt und sehr oft sind es selbst in dieser Richtung vorgeprägte Personen, die die Hilferufe hören, weil diese die Signale besser erkennen als „normale“ Menschen, in deren Gedankenwelt Suizid nicht vorkommt.

    Ich an deiner Stelle würde mir keine weiteren Vorwürfe machen, sondern stolz sein, ein Leben gerettet zu haben!

  6. Den Freitod wählen doch viele in einer gefühlsmäßigen Ausnahmesituation. Ich habe gelernt, dass man wichtige Entscheidungen nie treffen sollte, wenn man nicht völlig bei sich und man selbst ist und ich glaube, dass Menschen, die das Leben nicht mehr als lebenswert empfinden, oft genau das nicht sind!!!
    Demnach war es in meinen Augen vollkommen richtig die Polizei zu verständigen.
    Ich bete, dass sie es überlebt und irgendwann wieder als sie selbst dankbar dafür ist, dass Du ihr doch noch weitere Lebenszeit gegeben hast!

    Fühl Dich gedrückt.

  7. Puh, da hast du ja was mitgemacht…

    Zuallerst bewundere ich deinen Mut. Deinen Mut, dich mit deinen Ängsten und deinem Verdacht an die Polizei zu wenden. Ohne dich davon abhalten zu lassen, dass es vielleicht „nur“ falscher Alarm ist und du dich unter Umständen lächerlich machst. <3

    Ich glaube auch, dass jemand, der wirklich zu 100% willens ist, sich das Leben zu nehmen, sich vorher nichts anmerken lässt. Und somit mit seinem Suizid meist auch Erfolg hast.

    Auch wenn dieses Mädchen, von dem du schreibst, vielleicht selbst der Meinung war, diese Tat sei der einzige Ausweg für sie, so scheint es doch zumindest unterbewusst Anteile in ihr gegeben haben, die es nicht so sahen. Wie sonst kann man sich erklären, dass du die Anzeichen sehen konntest? Natürlich sind dies jetzt nur Vermutungen, da ich sowohl sie als auch die ganze Situation nicht kenne. Aber vielleicht ist es für dich ein kleiner Trost, dass sie unbewusst Andeutungen gemacht, um gerettet zu werden. War es eventuell doch ein Hilferuf? Hättest du damit nicht doch in ihrem Sinne gehandelt?

    Die Fragen werden für dich wahrscheinlich nicht (nie) zu klären sein. Ich hoffe für dich, dass du trotz der Zweifel und der Fragen, Frieden mit deinem Tun findest. Und auch, dass dieses Mädchen gerettet werden kann.

    Nochmals: meinen allergrößten Respekt für dein couragiertes Handeln. Gerade in der heutigen Gesellschaft ist dies keine Selbstverständlichkeit!

    Fühl dich gedrückt von mir

  8. Ich muss den Text nochmal in Ruhe lesen, bin gerade zu aufgewühlt wegen einer anderen Sache. Aber sehr gutes Thema und ich habe mich das auch in letzter Zeit gefragt, darf ich eingreifen wenn jemand ankündigt sich das Leben zu nehmen? Muss ich nicht sogar eingreifen?

  9. Da hast du ein sehr spaltendes Thema gewählt. Ich persönlich sehe das Gebiet ganz einfach und irgendwie auch nicht: Junge Menschen sind prinzipiell immer zu retten, das ist unumwerflich. Bei Erwachsenen wird es schon schwieriger. Beim ersten Versuch eingreifen, wenn man die Chance hat? Definitiv ja. Besteht der Gedanke nach dem Ausschöpfen aller Auf- und Bearbeitungsoptionen und nach längerer Zeit (damit meine ich Jahre) noch immer, verändert sich das Ganze. Und hier wird es schwierig: Da sind die Fälle individuell zu sehen. Eine klare Antwort wird es darauf wohl niemals geben, doch sich damit gedanklich auseinanderzusetzen, ist für Jede_n ein Schritt in die richtige Richtung. Ein schlechtes Gewissen solltest du dir auf keinen Fall machen, du hast nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, vergiss das bitte nicht.
    Liebe Grüße schicke ich dir,
    Emma

  10. Puh… mich nimmt das ja auch sehr mit. Aber jetzt, wo ich das gelesen habe, konnte ich zum 1. Mal drüber weinen. Und ich hoffe so sehr, dass sie lebt. Und dass sie keine bleibenden Schäden davon getragen hat. Ich hoffe es so sehr. Ich würde mir nie verzeihen können, dass ich nicht rechtzeitig gehandelt habe, obwohl ich wusste, wie es ihr geht. Und das nur, weil ich zu sehr mit mir beschäftigt bin.
    Auf der anderen Seite stelle ich mir die gleichen Frage wie du. Ich kann es so gut verstehen, wenn man sich das Leben nehmen will. So verdammt gut. Ich kann ihr Verlangen nach dem Tod gut nachvollziehen und wünsche mir eigentlich nur, dass es ihr gut geht. Ob hier oder wo anders. Aber ich würde trotzdem nicht damit klar kommen, wenn sie tot wäre.
    Uns bleibt nichts über außer hoffen und beten…

  11. Das verstehe ich nicht: Diese Lynn war gar kein echter Mensch sondern nur eine erfundene Person? Und der Suizid war auch nur ein „Fake“? Oder hat jemand für einen in Wirklichkeit bereits verstorbenen Menschen einen Blog geschrieben?

    1. Lynn war ein Fake, mit Fake-Familie und Fake-Suizid der alle die enger mit ihr in Kontakt standen sehr mitgenommen hat.
      Wer sie nun wirklich war & ob die „echte“ Lynn, die sich später unter anderem Namen bei mir entschuldigt hat nun wirklich das Mädchen war, das hinter Lynn steckte… oder ob es vielleicht sogar ein Mann war… das weiß wohl nur sie selbst.

      Und das Mädchen mit dem aktuellen Suizidversuch hat mit Lynn nichts zu tun, es hat mich nur sehr an die Situation, die Ängste und Vorwürfe von damals erinnert.

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