[Frühchenzauber] Am Rande der Lebensfähigkeit

Frühchen SSW23 kuscheln CPAP
1. mal gemeinsam kuscheln und 1min vor der schlimmsten Erfahrung meiner Neozeit (Sohn links hörte auf zu atmen).

Schwangerschaftswoche – 23+4 SSW
Gewicht – 1.Sohn: 670g und 2.Sohn: 675g
Größe/KU – 1.Sohn: 33cm und groß KU von 21cm,
(wobei die sich vermessen haben müssen, weil er 2-3 Tage später 30cm groß war)
2.Sohn: 29,5cm groß und KU von 21,5cm
Geschlecht – beides Jungs 😊

 

Magst du den Grund für die Frühgeburt verraten?
So ganz klar ist das nicht. Alles was typisch für Frühgeburten ist, hatte ich nicht.
Ich habe noch nie in meinem Leben geraucht oder Drogen genommen, trinke nie Alkohol und hab sogar sehr wenig bis gar nicht Koffein in der Schwangerschaft getrunken.
Ich habe mich nicht überanstrengt und hatte weder eine Schwangerschaftsvergiftung, noch sonst irgendwelche Pilze oder Infektionen.
Mein Crp (Entzündungswert) war bei Aufnahme minimal erhöht, deswegen bekam ich prophylaktisch Antibiotika. Aber das hat die vorzeitigen Wehen nicht aufgehalten.

Ich hatte bei 22+2 einen Hauch an bräunlichen Schmierblutungen. Wirklich nicht der Rede wert. Hatte ich oft in der Schwangerschaft. Ich sollte aber immer zur Kontrolle wenn ich sie wieder hatte. Da mein Frauenarzt nicht da war, an dem Tag, sagte meine Hebamme, dass ich zum Kreißsaal fahren soll.
Ich kam mir blöd vor. Die Schmierblutungen waren längst weg und sonst fühlte ich mich wie immer. Allerdings hatte ich schon seit Wochen einen Druck nach unten, kam mir vor als würde mein Bauch platzen (er spannte extrem. Aber dauerhaft. Nicht in Schüben) und ich hatte immer mal wieder ein super leichtes Ziehen. Laut Frauenarzt und Hebamme war das aber alles normal.
Im Kreißsaal sah man aber dann deutlich im ctg dass ich wehen hatte. Und das nicht wenig und welche die meine Jungs runter drückten.
Mein Gebärmutterhals war zu dieser Zeit nur noch bei 4mm (also so gut wie nicht mehr vorhanden) und es hatte sich schon ein Trichter gebildet. Der Muttermund war aber zum Glück noch zu.
Ich wurde aufgenommen und bekam Tabletten und ein Zäpfchen zum Wehen hemmen. Wehenhemmer per Infusion bringen in so einer frühen Woche leider nichts.

Die Vermutung warum das alles passiert ist, lautet laut Ärzte: entweder hatte ich eine Gebärmutterhalsinsuffizienz oder mein Körper hat das Gewicht nicht mehr tragen können. Auf Grund meiner Körpergröße (1,55m) und meiner, in der Schwangerschaft, schmalen Figur (60kg ein Tag vor Entbindung), hat meine Hebamme von Anfang an zu mir gesagt, dass sie nicht denkt, dass ich es bis zur 38.SSW schaffen werde.

Hattest du einen Kaiserschnitt, oder kamen deine Kinder spontan zur Welt?
Ich hatte einen Notkaiserschnitt.
Ich war gerade fertig mit meinem Frühstück. Bekam dann ein ctg (von 8-8:30uhr) und man sah deutlich wieder Wehen. Also wurde ein Ultraschall (9:30uhr) gemacht und mein Muttermund kontrolliert.
Als mein Muttermund dann 4-5cm geöffnet war, ging alles ganz schnell. Ich wurde sofort in den Kreißsaal geschoben und für den Notkaiserschnitt vorbereitet.
Um 10:21uhr und 10:23uhr waren meine Söhne dann da.

Frühchen SSW23 kuscheln Tubus
1.Zwilling beim ersten kuscheln

Wann konntest du deine Frühchen zum ersten mal sehen?
Erst um 15:30uhr. Also knapp 5 Stunden nach der Geburt.

Wie ging es den kleinen Kämpferbabys?
Sie waren stabil. Das war das Wichtigste.
Beide hatten noch im Op ihre ersten Schreie (Gott das werde ich nie vergessen. Ich war so erleichtert) und somit Spontanatmung. Sie mussten aber beide sehr schnell intubiert werden.
Mit Beatmung waren sie dann stabil und machten sich für so frühe Wochen sehr gut.
Aber ich wusste ja, dass sich das  ändern kann und oft, spätestens nach 3 Tagen, ändern wird. Was bei ihnen leider auch der Fall war.

War Beatmung notwendig?
Ja, beide waren intubiert. Brauchten aber zum Glück anfangs nur 21-22% O2.

Und wie ging es dir mit der gesamten Situation?
Ich war ein wenig unter Schock.
Ich kann mich auch an die ersten Minuten von der Neo kaum bis gar nicht erinnern. Es ging plötzlich so schnell. Auch wenn ich drauf vorbereitet war.
Mir kamen immer mal wieder Tränen, aber ich glaubte ganz fest an meine Kämpfer. Trotzdem hatte ich jedes Mal Angst, dass ich schlechte Nachrichten bekommen werde.

Früchten SSW23 kuscheln Tubus
2.Zwilling beim 1. kuscheln

Was hat dir am meisten geholfen und was hättest du dir von deinen Mitmenschen gewünscht?
Meine Cousine. Sie hat knapp 1,5 Jahre vorher das gleiche durchmachen müssen.
Ihre Zwillings-Mädchen kamen in der 25+0 SSW zur Welt und waren unsere Vorbilder.
Ich habe mit ihr ganz anders über die Situation reden können als mit anderen. Auch weil sie, wie ich, Kinderkrankenschwester ist.
Sie hat nicht, wie andere Verwandte und Freunde, Sätze wie „das wird schon“, „ihr schafft das“ oder ähnliches einfach so gesagt.
Sie hat mir zwar auch mit solchen Sätzen Mut zugesprochen, hat aber auch an schlechten Tagen gesagt „ja, die Werte sind mies.“ oder „die Verschlechterung war leider zu erwarten.“…..

Es klingt vielleicht blöd, aber so kam ich mir eher ernst genommen vor mit meinen Ängsten. Das zeigte mir, dass meine Ängste nicht umsonst sind.
Bei den anderen hatte ich immer das Gefühl, dass sie einfach nicht verstanden haben, wie ernst die Situation ist und als würden sie alles runterspielen. Das hat mich manchmal sogar richtig geärgert.
Was mir auch sehr geholfen hat war, dass viele Verwandte und Freunde für mich in der Neozeit meinen kompletten Umzug organisiert und durchgeführt haben. Dafür hatte ich keinen Kopf, aber es musste eine neue Wohnung her.
Auch bei bürokratischen Angelegenheiten haben mich zwei Cousinen unterstützt. Damit ich mich nicht noch um sowas kümmern muss. Und mein dad hat sich nun schon mehrere Jahre fast komplett alleine um meine Firma gekümmert. Das war alles eine Riesen Hilfe.

Gewünscht hätte ich mir, dass Leute Sätze wie „ach Gott die armen!“, „das ist aber eine egoistische Entscheidung.“ oder „die Kinder werden nun gequält.“ für sich behalten hätten.
Und das einige mehr Verständnis dafür gehabt hätten, dass man eben nicht jedem erneut negative Updates mitteilen möchte und Personen mit denen man vorher nur 1x im Jahr Kontakt hatte, eben erst mal nicht zu Besuch haben möchte. Man hat einfach genug um die Ohren.
Viele nahmen sowas leider aber sehr persönlich und hatten absolut keine Vorstellung, wie es einem selbst mit der Situation ging.

Frühchen SSW23 kuscheln Zwillinge CPAP
2. mal gemeinsam kuscheln und diesmal mit glücklichen Ausgang 😍😍

Was ist deine prägendste Erinnerung aus der Frühchenzeit?
Puh. Da gibt es viele.
Ich denke die gesamte Neozeit hat mich geprägt. Ich bin sehr viel näher am Wasser gebaut und ich sehe überall potentielle Keime (für die Jungs. Nicht für mich).
Bei jedem Infekt der oberen Atemwege habe ich Angst, dass es auf ihre Lungen geht.

Und ich habe Probleme damit, Leuten meine Kinder anzuvertrauen.
Deswegen habe ich Bammel vor dem baldigen Kitastart.

Evtl liegt es daran, dass ich die beiden fast 4 Monate lang bei Fremden lasse musste? (Ich durfte erst die letzten 4 Wochen ins Roaming-in).
Evtl auch wegen bestimmter Vorfälle in der Neozeit?
Z.B. Habe ich einmal gehört wie eine Neoschwester im Nachbarzimmer die Babys blöd angemacht hat nur weil sie geweint haben. Ich hab da gerade mit meinem Kleinen gekuschelt und die Schwester wusste nicht dass ich neben an war. Das zeigte mir, wie sich die Personen, denen man seine Kinder anvertrauen sollte, vor einem verstellten.
Oder wenn ich, als sie schon auf der Zwischenintensiv lagen, ins Zimmer kam, der Monitor wegen einer Herzfrequenz über 200 die ganze Zeit alarmierte und ich sah dass der Grund dafür war, dass meine Babys sich die Seele aus dem Leib schrien und keiner zu ihnen gegangen ist?
Gott, habe ich deswegen manchmal geheult. Man hat in der Zeit so vieles erlebt. Hat so oft um das Leben der Kinder gezittert. Ich habe noch nie so viel geweint wie in den 4 Monaten Krankenhaus.
Mein schlimmstes Erlebnis war, als mein Kleiner auf meiner Brust aufgehört hatte zu atmen und blitze blau wurde; die Schwester ihn von meiner Brust nahm, ihn direkt neben mir bebeutelt hat, der Notfallwagen und Ärzte kamen und mein Sohn neben mir erneut intubiert werden musste.
Das war der Horror.

Frühchen SSW23 Entwicklung heute
Heute sieht man ihnen auf dem 1. Blick kaum was an ❤

Wie geht es deinen Frühstartern heute? 
Ihnen geht es super. Sie sind wahre kleine Wunder.
Keiner der Ärzte oder Schwestern hat erwartet dass sie sich so gut machen werden.
Mein Großer hat eine Brille, beide sind schneller anfällig bei Infekten, mein Kleiner ist von der Sprache und vom Verständnis her etwas zurück (holt aber schon wieder auf und hat super Fortschritte gemacht), beide sind von der Motorik etwas zurück und haben beide einen I-Status, sowie einen Pflegegrad.
Aber alles was sie haben kann (und ich bin mir sehr sicher dass es auch so sein wird) sich in den nächsten Jahren verwachsen. Und spätestens zur Einschulung wird man ihnen das Frühchen sein nicht mehr anmerken.
Ich bin so stolz auf meine kleinen großen Wunder.

Möchtest du uns noch etwas von euch und eurem Weg erzählen?
Es war wie es immer wieder auf der Neo gesagt wurde: „2 Schritte vor, 1 Schritt zurück“.
Meinen Kindern ging es, ganz nach Lehrbuch, ab Tag 3 schlechter. Als wir entlassen wurden sagte eine Schwester zu mir „Unglaublich was aus ihnen geworden ist. Die beiden waren wirklich sehr krank. Da durften wir es ja nicht sagen, aber den beiden ging es wirklich wirklich schlecht. Und nun gehen sie mit nur einem Hauch an O2 nach Hause.“.
Ich wusste immer wieder dass es ihnen schlecht ging, trotzdem war es komisch es nochmal ausgesprochen zu hören.

An alle Mama‘s von Frühchen, die noch am kämpfen sind und an alle Mamas, die eine drohende Frühgeburt haben:
Gebt nicht auf. Glaubt an eure Kinder. Lasst euch nicht nur die negativen Zahlen, sondern auch die positiven Zahlen nennen.
Mir wurde damals abgeraten meine Kinder medizinisch versorgen zu lassen und nun sind sie fast 3 Jahre alt!
Mir wurde gesagt „So frühe Frühchen und dann noch Zwillinge voll gestillt und ad lib zu entlassen ist so gut wie unmöglich!“ und ich habe sie voll gestillt und ad lib mit nach Hause genommen. Klammert euch an die positiven Sachen:
wieder ein paar Gramm mehr auf der Waage, das erste mal kuscheln, wieder etwas weniger O2, heute dürfen sie in die offene Einheit, das erste mal ein Body anziehen, das erste mal baden, keine Beatmung mehr, kein CPAP mehr, auf ins Wärmebett, das erste mal stillen und und und.

Mein Gedanke war:
wenn ich sie nicht kämpfen lasse, dann würde ich sie gehen lassen müssen.
Was wäre das Schlimmste was passieren kann, wenn ich sie kämpfen lassen würde? Dass ich sie gehen lassen muss.
Andere würden eventuell schwere Behinderungen als das schlimmste Sehen.
Das muss jeder für sich selber entscheiden.

Für mich gab es nur zwei Möglichkeiten:
1. ich lasse sie gehen und sie haben 0% zu überleben oder
2. ich lasse Ihnen die Chance zu kämpfen und sie haben eine ca 20%ige Chance zu überleben.
Da gab es für mich nur eine für mich richtige Entscheidung.
Später wollte ich nicht, wenn ich positive Geschichten von anderen Wundern lese, denken „das hätten meine sein können“.

Ich bin so dankbar dafür, dass wir diese Zeit hinter uns lassen konnten und wir nun under leben als Familie genießen können.
Ich bin allen Schwestern, Pfleger, Ärzten, Elternberaterinnen und allen anderen Krankenhauskräften, sowie meinen Freunden und Verwandten so dankbar wie sie uns dreien in den 4 Monaten geholfen haben.
Das werde ich auch immer bleiben.

Danke Lena für die Möglichkeit unsere Geschichte und unseren Weg teilen zu können. ❤

 Danke liebe proudmomof2littlewonders <3 

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