[Gastbeitrag] Ausgeliefert.

Der langjährige Leser meines Blogs weiß, dass mir das folgende Thema sehr am Herzen liegt.
Grenzübertritte, Missbrauch, das Ausnutzen von Einschränkungen… all das sind sehr große Themen, die mehr Öffentlichkeit brauchen.
Aus diesem Grund danke ich Miriam für ihren Mut, offen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu sprechen <3

Grenzübertritt, Missbrauch

Ausgeliefert.

Seit ich geboren wurde, musste ich mich von fremden Menschen anfassen lassen, denn mir wurde beigebracht, dass sie mir helfen wollen, alle nur mein bestes im Sinn haben.
Für mich ist es normal erst einmal das Gute im Menschen zu sehen, bis er mir das Gegenteil beweist. Ich vertraue den Menschen, was anderes bleibt mir in meiner Situation auch nicht übrig; ich bin auf ihr Wohlwollen angewiesen.

Wenn ich unterwegs bin muss ich schnell abwägen können ob ich mich von einer bestimmten Person, berühren lasse.
Sei es, weil ich eine Stufe alleine nicht hinaufkomme, oder der Spalt zwischen Zug und Bahnsteig zu groß ist, als dass ich ihn ohne Hilfe überwinden könnte. Ich musste über meine Grenze hinauswachsen, um in der Gesellschaft zurecht kommen zu können. 

In mir wächst der Wunsch zu schreien.

In letzter Zeit fällt mir häufiger auf, dass Menschen meine doch sehr großzügig gesteckten Grenzen immer mehr überschreiten.
Möchte ich alleine gelassen werden, weil ich die Nähe anderer Menschen gerade einfach nicht ertrage, wird trotzdem bei mir geblieben, weil es in den Augen meiner Mitmenschen das Beste für mich ist. In mir wächst der Wunsch zu schreien. Ich fühle eine solche Beklemmung in mir aufsteigen, dass ich fürchte von dieser überrollt zu werden.
Sage ich, dass ich nicht in den Arm genommen werden möchte weil mich gerade jede Berührung überfordert, wird es trotzdem getan, weil es augenscheinlich das Beste für alle ist. Mir steigen dabei die Tränen in die Augen – aus purer Verzweiflung, Hilflosigkeit und der Gewissheit das ich hier gerade wieder die Kontrolle verliere, über mich und über mein Leben!

Dieser Kontrollverlust ist für mich schon bei Menschen, die ich liebe kaum zu ertragen, weil es sich anfühlt als würden sie mir ein Teil meiner Selbständigkeit nehmen und ich fühle mich ausgeliefert.
Sind Menschen mir fremd und übertreten meine persönlichen Grenzen, ist es als würde mir die Luft zum Atmen geraubt werden.

Meine Alarmglocken fingen an zu schrillen.

So auch an einem Sonntag vor gut 11 Wochen.
Meine Beine und mein Rücken versagten mir nach einem zwanzigminütigen Spaziergang den Dienst, sodass mein Herzmann mir anbot alleine zurückzulaufen und das Auto zu holen. Als ich mich auf eine Bank setzte, kam kurz darauf ein südländisch aussehender Mann mit Fahrrad an mir vorbeigefahren.
Er schaute sich um, sah mich und überlegte es sich anscheinend im letzten Moment anders. Er drehte sein Fahrrad um, stieg ab und blieb vor mir stehen.
Als er begann mir Komplimente zu machen, fingen meine Alarmglocken bereits an zu schrillen. Ich wusste, wenn mir nicht bald jemand zu Hilfe kommen würde, würde etwas passieren; er würde meine Grenzen auf eine Weise überschreiten, wie noch kein Mensch in meinem Leben und ich sollte recht behalten.

Ich wies seine Komplimente mehrfach ab und fühlte mich zunehmend unwohl. Ich war mir dessen bewusst, dass ich mich nicht würde wehren geschweige denn weglaufen können, sollte er mir zu nahe kommen.
Kaum hatte ich diesen Gedanken gefasst, setzte er sich neben mich auf die Bank, fing an seine Finger in meinen zu verschränken und zwang mich ihn anzusehen, indem er mich am Kinn berührte und meinen Kopf zu sich drehte.
Ich begann zu zittern. Mir wurde übel. Alle Versuche der Abwehr blieben erfolglos, mein Körper gehorchte mir irgendwann nicht mehr. Ich nahm alles nur noch wie in einer Blase wahr. 

„Alles perfekt. Alles perfekt.“

Als mein Herzmann mit dem Auto angefahren kam, stand er auf und griff mir im Aufstehen an die Brust. Kaum hielt sein Auto, war mein Peiniger auch schon auf seinem Fahrrad verschwunden. Ich lief so schnell ich konnte zum Auto, stieg ein und zitterte am ganzen Körper; ich brauchte gefühlt eine Ewigkeit um ihm zu erklären, was sich da gerade abgespielt hatte. Ich stand völlig neben mir.
Wäre er nicht gewesen hätte ich diesen Menschen nie angezeigt. Ich habe mich so schmutzig, wertlos und vergewaltigt gefühlt… wollte diesen Schmutz so schnell als möglich los werden und ihn vergessen. 

Doch auch elf Wochen danach höre ich in manchen Momenten – vor allem im Traum – seine Stimme, die zu mir in gebrochenem Deutsch spricht: „Alles perfekt, alles perfekt.“

Ist es meine Schuld?

Wieder hatte ein Mensch meine Grenze überschritten, auf eine der schlimmsten Arten die man sich vorstellen kann.
Ich sitze hier und frage mich oft ob ich einem Menschen falsche nonverbale Signale sende, die ihm erlauben das zu tun. Bin ich am Ende schuld das Menschen immer wieder meine Grenzen überschreiten, obwohl ich verbal deutlich gemacht habe, dass ich diese Grenze gezogen habe und diese auch nicht überschritten werden soll?
Oft muss ich mir selbst sagen, dass ich nichts dafür kann, mehr konnte ich in diesem Moment nicht tun und werde ich auch in Zukunft nicht tun können. Wer meine Grenzen überschreitet begeht einen Fehler nicht ich selbst. 

Und nun?
Was soll ich sagen?
Meine Einstellung zu den Menschen hat sich verändert, auch die unbewusste. Ich bin wachsamer, wenn ich mich berühren lassen muss. Ich überlege mir drei Mal ob ich mich jetzt genau von diesem Menschen berühren lasse.
Aber ich gehe stärker daraus hervor!
Ich bin stolz auf mich, es da durch geschafft zu haben.
Dieser Mensch hat es nicht verdient mehr Lebenszeit von mir zu bekommen, er hat sich zwei komplette Wochen meines Lebens genommen, mehr wird er nicht bekommen.
Diese Einstellung hat mir geholfen, diesen Teil meiner Vergangenheit weitestgehend hinter mir zu lassen und wieder Raum für die Menschen in meinem Leben zu schaffen, die meine Grenzen nicht überschreiten.

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