Über das Glück müssen wir noch sprechen!

22. Dezember 2018
Geschrieben von Maike von Dankeaberichmachdasanders

Es ist kalt, als wir uns zwischen den hellen Lichtpunkten fremder Autos durch „unsere“ Großstadt nach Hause schlängeln. Die Fahrt durch die überfüllten Straßen ist wie eine kleine Zeitreise in eine andere Welt, unsere frühere Welt.
Neben mir – wie ein Fels im Verkehrstumult – mein Mann – die Ruhe selbst. Er sieht aus, als könne nichts seine Gelassenheit ins wanken bringen.
Das Drängeln und Überholen der anderen Verkehrsteilnehmer scheint in seiner Welt so unbedeutend, nicht relevant genug für die kleinste Reaktion seinerseits.
Er spürt meinen Seitenblick und lächelt.
Durch die Frontscheibe schickt er das Lächeln in den Stadtverkehr und während der kalte Kaffee in der Mittelkonsole zwischen uns zu sanften Bässen schaukelt, durchströmt mich diese Mischung aus Gänsehaut und wohliger Wärme, die nur sein Lächeln zu zaubern vermag.
In der schwachen Amaturenbeleuchtung wirkt sein Gesicht müde, doch seine Züge weich. 

Sie haben Unrecht, „die Leute“

Ich lasse mich in die Polster sinken und mein Blick schweift ziellos durch das vorbeiziehende Lichtermeer. Ob er glücklich ist?
Der Mann an meiner Seite, der lieber Gesten als Worte verliert und in der Komplexibilität seines Seins die einfachen Dinge des Lebens am meisten schätzt. Ob er sich zurück in das alte, jetzt an uns vorbeiziehende Leben wünscht? 
Wir haben mehr „Unglück“ erlebt, als ein einziges Leben zu fassen vermag sagen „die Leute“. 
Aber sie haben Unrecht „diese Leute“. Sie meinen das nett, aber das ist es nicht. 
Sie wollen uns vermitteln, dass wir das Recht haben zu klagen, zu hadern und zu verzeifeln – aber das sagen sie nicht. Sie prophezeien uns Unglück, das für ein ganzes Leben reicht, eine Trauer die uns lähmt bis der letzte Hauch Lebenslust uns verlässt.

Ich sehe unsere gealterten Gesichter, kann die Tränen und Sorgen darin verewigt sehen und spüre all die Schmerzen bei jedem Schritt, seine, meine, unsere. 
Und manchmal frage ich mich, ob sie recht haben „die Leute“!?
Sind wir glücklich? Dürfen wir diese Frage stellen? Oder gar beantworten
Die Gedanken verschwimmen. Sein kurzer Seitenblick fesselt meine Aufmerksamkeit.
Unsere Hände treffen sich auf meinem Bein. „Ich fahre gern mit Dir Auto“ sagt er. 
Seine schlichten Worte erlangen durch ihre Ehrlichkeit eine Tiefe an der Goethe gescheitert wäre. Ich muss Lächeln und der warme Gänsehautschauer kommt zurück. Und ich beginne zu verstehen, das warme Gänsehautschauer kein Unglück sind.
Dass diese Momente, in denen ich aufrichtig Liebe, Lache und  Weine ganz echt sind.

Trauer kann nur aus Liebe heraus entstehen

Wir lächeln uns an und im rötlichen Schimmer uns umgebender Rücklichter, bilden unsere Lachfalten und grauen Haare ein Abbild von Leben, dass ohne Filter und ohne Autokorrektur verläuft, das in Echtzeit gegen Wände kracht und sich wieder flicken lässt und immer wieder neu überdacht werden möchte, das uns fordert ohne zu Fragen, ob wir noch können und uns immer wieder pusht, wenn wir schon nicht mehr damit gerechnet haben.
Wir haben es liebgewonnen, haben verstanden, dass wir es nie wirklich zu domestizieren wussten und es für jeden Absturz doch wieder verflucht. Aber es ist unser Leben. 
Und jetzt wo sich der Todestag unserer Tochter zum ersten mal nähert bin ich dankbarer als jemals zuvor, dass ich lernen durfte, dass Trauer nur aus Liebe heraus entstehen kann und wo Liebe ist, ist nie genug Platz für ein Leben bis zum Rande gefüllt mit Unglück. Denn dieses Leben wird immer Platz bereithalten für die liebevollen Erinnerungen, die lustigen Momente, die tiefe Liebe und die große Dankbarkeit für all das.
Und dann ist da noch Platz für die Tränen, die Sehnsucht, die Trauer und das Vermissen. Das ganze Konzept basiert nicht auf der Effizienz von Systemgastronomie, es ist komplizierter, hängt sich öfter an Details und Nebenschauplätzen auf – es ist nicht nur ein Gefühl, nicht nur eine Facette, nicht nur eine Perspektive – es ist alles zugleich und nichts im Einzelnen.

Trauer. Sehnsucht. Liebe. 

Vor meinem inneren Auge betrachte ich das Gesamtbild aus seinen unendlichen Details. Manche wunderschön, andere abgrundtief traurig und auch wenn es außer mir niemand zu sehen vermag, so passen sie perfekt ineinander, als wären sie füreinander gemacht. Denn zusammen sehen sie aus wie unser Leben. Unser Leben hat Trauer und Sehnsucht, weil Liebe darin wohnt. Wir dürfen innerhalb eines Lebens tanzen und trauern, lachen und weinen, lieben und hassen, verzweifeln und explodieren.
Verschmelzen nicht in all den Autos, die an uns vorbei in ihre eigenen Leben rauschen, glückliche und unglückliche Momente zu facettenreichen Leben in der Premiumausstattung?
So viele schwere Schicksalsschläge haben sich hier neben verliebten Blicken und tiefer Freundschaft ihren Platz in einem Leben gesucht. Nicht immer sind diese verletzlichen Bereiche gut ausgeschildert, manchmal durch Leitplanken vor dem Zugriff der Außenwelt gesichert.

Ich bin bereit mit meinen Details zu leben, sie zu pflegen und immer wieder aufs neue zusammen zufügen, sollte sich bei einem überstürzten Spurwechsel eine Verbindung lösen.
Ich werde Tage mit den glücklichen und unglücklichen Details meines Gesamtbildes verbringen und um sie zusammenzubringen immer weit über den Rand hinweg malen. 

Und beim nächsten Mal, wenn mir  „die Leute“ sagen ich müsste ein Leben voller Unglück leben, dann werde ich lächeln und ihnen sagen : Danke, aber ich mach das anders!

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